Das allgegenwärtige Du: Nähe auf Kosten des Respekts?
Es beginnt oft harmlos und unauffällig. Ein freundliches Lächeln, ein flüchtiger Blickkontakt und schon ist man ungefragt per Du. Als hätte jemand heimlich und still die Höflichkeitsbremse gelöst. Früher war diese Frage klar geregelt wie die feste Sitzordnung bei der Kaffeetafel der Großmutter: Wer sich nicht kannte, siezte sich grundsätzlich. Punkt. Ein kleines, aber wichtiges sprachliches Geländer, das bewusst Abstand hielt, genau dort, wo echte Nähe erst noch wachsen und sich entwickeln musste.
Wo bleibt der Respekt gegenüber dem Alter?
Heute dagegen wird geduzt wie im Dauer-Ausverkauf der zwischenmenschlichen Distanz. Alles muss raus, primär die natürliche Distanz. In Altenheimen werden aus Bewohnern plötzlich und ungefragt „unsere lieben Omis und Opis“, als hätte man sie tatsächlich gemeinsam großgezogen. „Möchtest du noch etwas Kaffee?“ – dieser Satz klingt zwar fürsorglich und nah, ist aber oft nur eine respektlose Vertraulichkeit, versteckt im Pflegekittel.
Auch die Werbung klopft einem heute ungefragt und direkt auf die virtuelle Schulter. „Hol dir jetzt dein persönliches Angebot!“ flötet es aus dem Radio, als säße man tatsächlich gemeinsam beim gemütlichen Feierabendbier. Und im Internet duzen sowieso alle ohne Ausnahme. Nähe wird hier auf Knopfdruck erzeugt und simuliert.
Das Du ist kein magischer Zaubertrick
Dabei ist das Du ganz sicher kein Zaubertrick oder eine magische Formel. Es schafft keine echte Augenhöhe, wo faktisch keine vorhanden ist. Es ersetzt keinen wirklichen Respekt, sondern kaschiert bestenfalls dessen Fehlen. Manchmal wirkt dieses geduzte „Du“ wie ein schlecht sitzender Anzug: gewollt lässig und modern, aber in Wahrheit unerquicklich aufdringlich und deplatziert.
Das Sie als leise und zeitlose Form von Anstand
Vielleicht wäre es gar nicht so unmodern oder altbacken, das höfliche Sie wiederzuentdecken und bewusst zu pflegen. Nicht als steife oder veraltete Geste, sondern als eine leise und beständige Form von Anstand und Achtung. Denn wahre und echte Nähe benötigt definitiv kein sprachliches Abkürzungsmanöver oder eine erzwungene Vertraulichkeit. Sie entsteht natürlich, entwickelt sich langsam und bleibt dann bestehen. Auch ganz ohne das geduzte „Du“.



