Der Mann, der die Glocken zum Klingen bringt: Küster René Kiepsel in Neubrandenburg
Im Alltag nehmen viele Menschen den Klang von Kirchenglocken kaum noch bewusst wahr. Für René Kiepsel hingegen ist das genaue Hinhören ein wesentlicher Teil seines Berufs. Als Küster der Evangelisch-Lutherischen Kirche Neubrandenburg trägt er die Verantwortung für das Spiel der Glocken in drei bedeutenden Gebäuden der Vier-Tore-Stadt: der Johanniskirche, der Kapelle St. Georg und der Konzertkirche.
Eine ungewöhnliche Zuständigkeit: Warum die Kirche für weltliche Glocken sorgt
Die Frage, warum ein Angestellter der Kirche für die Glocken in einem säkularen Gebäude wie der Konzertkirche zuständig ist, hat historische Gründe. Die Kirchgemeinde St. Marien hatte das im Zweiten Weltkrieg stark zerstörte Gotteshaus samt Grundstück bereits in den 1960er-Jahren an die Stadt verkauft. Pläne für den Bau einer Konzertkirche wurden ab Mitte der 1970er-Jahre verfolgt, doch bei der Einweihung vor 25 Jahren fehlte ein adäquates Geläut.
Die Spendenaktion: Bürgerengagement für fünf neue Bronzeglocken
Die drei alten Stahlglocken aus dem Jahr 1922 waren abgenutzt, sodass der damalige Pastor Matthias Borchert im Jahr 2005 die Initiative „5 neue Glocken für Neubrandenburg“ startete. Mit einem veranschlagten Budget von 185.000 Euro und der Unterstützung der ostdeutschen Sparkassenstiftung, die jeden privat gespendeten Euro verdoppelte, wurde das Ziel binnen weniger Monate erreicht. Am 24. Juni 2007 konnte das neue Geläut feierlich eingeweiht werden.
Die fünf Glocken: Namen, Gewichte und symbolische Inschriften
Alle fünf Bronzeglocken tragen individuelle Namen und sind kunstvoll verziert. Die größte ist die Marienglocke mit über 3,3 Tonnen, auf der die Inschrift „Kirche und Stadt trugen Sorge, dass ich mit meinen Schwestern neu erstand. Gebe Gott, dass ich mit meinem Klang nur Frieden künde“ zu lesen ist. Ihre Schwesternglocken umfassen die Johannesglocke (1,695 Tonnen), die Gebetsglocke (828 Kilogramm), die Sakramentsglocke (702 Kilogramm) sowie die Lob- und Dankglocke (538 Kilogramm).
Der Glockenklang im Alltag: Von Stundenschlägen bis besonderen Anlässen
Normalerweise wird die volle Stunde zwischen 8 und 22 Uhr durch Hammerschläge an der Marienglocke signalisiert, doch aktuell ertönen aus technischen Gründen jeweils vier Schläge. Viertel-, halbe und dreiviertel Stunden werden durch einen, zwei oder drei Schläge angezeigt. Geläutet wird zu besonderen Ereignissen wie Ostern oder anderen kirchlichen Feiertagen. Ab Karfreitagnachmittag schweigen die Glocken, um den Tod Jesu Christi zu symbolisieren, und erklingen erst am Ostersonntag wieder vollständig.
Die Sakramentsglocke: Freude und Trauer in der Gemeinde
Die Sakramentsglocke, auch als Glocke Nummer 4 bekannt, hat eine doppelte Bedeutung: Sie läutet bei Taufen in der St. Johannis-Gemeinde, kündigt aber auch Beerdigungen an. Diese vielschichtige Rolle unterstreicht die emotionale Verbindung der Glocken zum Gemeindeleben.
René Kiepsels vielfältige Aufgaben: Mehr als nur Glockenwartung
Die Beobachtung und Pflege der Glocken stellt für René Kiepsel nur einen kleinen Teil seiner Arbeit dar. In der Johanniskirche ist er für die Vorbereitung und Durchführung von Gottesdiensten, Veranstaltungen mit Catering sowie die Wartung aller technischen Anlagen zuständig. Während er die Glocken der Johanniskirche bequem per Smartphone-App steuern kann, erfolgt die Bedienung des Geläuts der Konzertkirche über einen geschützten Schaltkasten am Gebäudefuß.
Technische Herausforderungen und regelmäßige Wartung
Die Glocken funktionieren in der Regel zuverlässig, doch gelegentlich treten Probleme auf. Einmal rutschte beispielsweise ein Antriebsriemen der Sakramentsglocke, sodass sie vorübergehend verstummte. In solchen Fällen kommt Meister Udo Griwahn aus Grimmen zur Hilfe, der neben Hunderten anderen Kirchen im Nordosten auch die Uhr und das Geläut der Konzertkirche regelmäßig wartet.
Serie zum 25-jährigen Jubiläum der Konzertkirche
Die Neubrandenburger Konzertkirche wurde am 13. Juli 2001 mit einem Festkonzert eröffnet. Anlässlich des runden Geburtstags im Jahr 2026 präsentiert eine Serie 25 Geschichten über Menschen und Hintergründe dieses Wahrzeichens. Von verborgenen Wandmalereien bis zu Falkennistkästen – die Serie beleuchtet die vielfältigen Facetten der Konzertkirche und lädt die Leser ein, eigene Erinnerungen und Geschichten zu teilen.



