Mode-Influencerin Nicol Pia Hochwald: Eine 52-Jährige revolutioniert die Social-Media-Landschaft
Während soziale Medien oft von jungen Influencern dominiert werden, beweist Nicol Pia Hochwald aus einem 280-Seelen-Dorf bei Linz am Rhein, dass Authentizität und Erfahrung ebenso faszinieren können. Die 52-Jährige, die seit 29 Jahren bei der Telekom arbeitet, erreicht täglich Millionen Follower mit ihrer klaren Botschaft: „Mode kennt kein Alter“.
Vom Facebook-Aussteiger zur Social-Media-Ikone
Ihr Weg begann nicht auf TikTok oder Instagram, sondern auf Facebook. „Lange Zeit hielt ich mich auf Facebook auf“, erinnert sich Hochwald. Doch mit der Flüchtlingskrise veränderte sich die Plattform: „Das Niveau der Diskussionen nahm spürbar ab und die Stimmung wurde zunehmend unangenehm.“ Der Wechsel zu Instagram markierte den Startschuss für ihre Karriere als Mode-Influencerin.
Besonders der Fokus auf Video-Content ab 2020/2021 verhalf ihr zum Durchbruch. „Videos lagen mir mehr als das einfache Posten von Fotos“, erklärt die Rheinland-Pfälzerin. Schnell erkannte sie, dass ihre öffentliche Präsentation vielen Frauen Mut machte – besonders jenen, die sich unsicher fühlten und ständig Gedanken darüber machten, was andere über sie denken könnten.
Mission: Frauen zu mehr Selbstbewusstsein verhelfen
Heute ist es ihre Mission, Frauen darin zu bestärken, ihren eigenen Stil zu leben. „Häufig höre ich von Frauen, dass sie als Mütter das Gefühl haben, bestimmte Kleidung nicht mehr tragen zu dürfen“, berichtet Hochwald. Ihre Community besteht zu etwa 85% aus Frauen, viele davon in ähnlichen Lebensphasen.
Die Rückmeldungen ihrer Followerinnen haben ihren Content stark geprägt: „Ich produziere heute genau die Inhalte, die meine Zuschauerinnen benötigen und schätzen.“ Viele Frauen schreiben ihr, wie sehr sie durch ihren Content an Selbstbewusstsein gewonnen haben – einige wagten sich sogar an Outfits heran, die sie früher nie getragen hätten.
Der persönliche Stil: Gothic-Einflüsse und Mut zur Individualität
Hochwalds persönlicher Stil ist geprägt von Gothic-Elementen: „Ich liebe ein wenig Gothic, diesen düsteren Stil. Das ist mein favorisierter Look, wenn es um Kleidung geht.“ In solchen Outfits fühle sie sich unverwundbar und cool – Eigenschaften, die sie vielleicht nicht in jeder Situation habe.
Ihre Vorliebe für ausgefallene Mode begleitet sie seit Jugendzeiten: „Ich war schon immer ein kleiner Rebell, auch auf dem konservativen Gymnasium.“ Ihre Lehrer beschwerten sich häufiger bei ihren Eltern und forderten, sie solle weniger Wert auf ihr Äußeres legen. Anpassungsversuche hielt sie nie lange durch: „Das fand ich schlichtweg zu langweilig.“
Umgang mit Hasskommentaren und gesellschaftlichen Erwartungen
Unter ihren Beiträgen finden sich regelmäßig hässliche Kommentare, doch Hochwald geht gelassen damit um: „Offen gesagt interessiert mich das überhaupt nicht.“ Interessanterweise kommen 90% dieser Kommentare von Frauen. Statt sich davon einschüchtern zu lassen, nutzt sie kritische Äußerungen oft für Videoinhalte, um ihren Followern zu zeigen, dass solche Kommentare nichts mit der betroffenen Person zu tun haben.
Ihr Rat an unsichere Frauen: „Ja, auf jeden Fall sollten wir mutiger sein!“ Sie selbst trage die in Videos gezeigten Outfits auch im Alltag: „Natürlich kommt es vor, dass der ein oder andere komisch guckt. Das passiert. Aber ich kenne diese Leute nicht, und offen gesagt ist es mir egal.“
Berufliches Doppelleben: Telekom-Projektmanagerin und Corporate Influencer
Neben ihrer Social-Media-Tätigkeit arbeitet Hochwald weiterhin als Projektmanagerin bei der Telekom, wo sie sich seit vier Jahren auf Flächenmanagement im Geschäftskundenbereich spezialisiert hat. Gleichzeitig steht sie offiziell als Corporate Influencer für das Unternehmen zur Verfügung.
„Der Grund dafür ist meine Wertschätzung für meinen Arbeitgeber und die Freude an meiner Arbeit dort“, erklärt sie. Die Telekom kämpfe aktiv gegen Hass im Internet und setze ein starkes Zeichen für Diversität – Initiativen, die sie sichtbar machen möchte.
Wirtschaftliche Realitäten im Influencer-Business
Obwohl ihre Inhalte monatlich über 12 Millionen Aufrufe generieren, verdient Hochwald bisher kaum Geld mit Social Media: „Bisher habe ich noch kein Geld damit verdient.“ Sie arbeite mit zwei Kooperationspartnern zusammen, erhalte aber nur Kleidung als Gegenleistung – die sie noch versteuern müsse.
Die Verdienstmöglichkeiten in sozialen Medien seien heute längst nicht mehr so hoch wie vor einigen Jahren: „Im vergangenen Jahr erhielt ich für ein Video mit 50.000 Aufrufen noch 100 Euro. Heute sind es nur noch zwei Euro.“ Diese Unsicherheit zeige die Risiken der Branche.
Persönliche Herausforderungen und Leidenschaften
Das Management von Vollzeitjob, Familie und Social-Media-Präsenz erfordert Disziplin: „Meine Woche ist mit Sicherheit eine 70-Stunden-Woche durch Social Media.“ Ihre Videos drehe sie meistens abends als Hobby.
Persönlich beschäftigt sie das Thema Gewicht: „Mit 18 Jahren litt ich an Magersucht und brachte nur noch 48 Kilo auf die Waage.“ Dieses ständige Kalorienzählen begleite sie bis heute, auch wenn sie versuche, es nicht mehr so extrem zu betreiben.
Mode-Demokratie: Bezahlbare Kleidung für alle
Ein besonderes Anliegen ist Hochwald die Sichtbarmachung bezahlbarer Mode: „Mir ist bewusst, dass es viele Menschen gibt, die mit wenig Geld auskommen müssen.“ Deshalb präsentiere sie regelmäßig Outfits von günstigen Marken wie Kik oder Berschka.
Kritisch sieht sie, dass viele Marken ausschließlich junge Models zeigen: „Das führt dazu, dass viele denken, die Kleidung sei nur für junge Leute gedacht. Doch das stimmt nicht.“ Die Klamotten eigneten sich hervorragend, um sie auch als ältere Frau stilvoll zu kombinieren.
Zukunftspläne und abschließender Rat
Hochwald plant aktuell gemeinsam mit zwei befreundeten Influencerinnen einen Flohmarkt, um aussortierte Kleidungsstücke weiterzugeben. Ihr Media-Kit möchte sie an Unternehmen schicken, um möglicherweise bezahlte Kooperationen zu realisieren.
Ihr abschließender Rat an Frauen lautet: „Wir haben nur dieses eine Leben, und das ist schon ziemlich kurz. Am Ende will ich nicht zurückblicken und denken: ‚Was hätte ich nicht alles gern gemacht?‘ – nur weil ich mich von Menschen, die in meinem Leben keine Rolle spielen, habe bremsen lassen.“



