Bahnsteige zu kurz, Züge zu voll: Das Deutschlandticket stellt den Nahverkehr vor enorme Herausforderungen
Das beliebte Deutschlandticket hat die Nachfrage im öffentlichen Personennahverkehr sprunghaft ansteigen lassen. Während zunächst die Züge selbst an ihre Kapazitätsgrenzen stießen, offenbart sich nun ein weiteres Problem: Viele Bahnsteige sind schlichtweg zu kurz für die längeren Züge, die benötigt werden, um die zusätzlichen Fahrgäste zu befördern.
Planungsmarathon von bis zu einem Jahrzehnt
Die Verlängerung von Bahnsteigen gestaltet sich als äußerst komplexes Unterfangen. Von der ersten Planung bis zur fertigen Baumaßnahme können bis zu zehn Jahre vergehen. Diese lange Zeitspanne ist nicht nur auf technische Herausforderungen zurückzuführen, sondern vor allem auf einen undurchdringlichen Dschungel aus Vorschriften, Genehmigungsverfahren und Eigentumsfragen.
In Sachsen-Anhalt hat die Nahverkehrsgesellschaft Nasa bereits reagiert und dort, wo es möglich war, zusätzliche Fahrzeuge beschafft. Diese entsprechen zwar nicht immer den eigenen Qualitätsstandards, aber im Moment zählt vor allem eines: Dass der Betrieb aufrechterhalten werden kann.
Kreative Lösungen sind gefragt
Für einzelne Bahnhöfe lassen sich mit gutem Willen sicher provisorische Lösungen finden. In der Fläche jedoch stehen zahlreiche Hürden einer schnellen Problemlösung im Weg. Bleiben als kurzfristige Maßnahmen vor allem zwei Ansätze:
- Verdichtete Takte in den Hauptverkehrszeiten
- Der vermehrte Einsatz von Doppelstockzügen, die mehr Platz bieten
Doppelstockwagen hatten vor einigen Jahren bereits ein kurzes Comeback auf der S-Bahn-Strecke zwischen Halle und Leipzig gefeiert und sich dort als wirksame Entlastung erwiesen. Solche Maßnahmen kosten zwar Geld und sind nicht einfach umzusetzen, aber sie zeigen, was mit etwas Kreativität und Entschlossenheit möglich ist.
Zeit für eine Entrümpelung der Vorschriften
Das aktuelle Bahnsteig-Dilemma sollte als Weckruf dienen, den regulatorischen Wildwuchs im Bahnsektor entschieden anzugehen. Eine Planungs- und Bauphase von einem Jahrzehnt für einen Bahnsteig ist Ausdruck einer kaum noch vermittelbaren Regulierungswut. Es wird höchste Zeit, bürokratische Hürden abzubauen und Verfahren zu beschleunigen, damit die Infrastruktur mit der dynamischen Entwicklung im Nahverkehr Schritt halten kann.
Das Deutschlandticket selbst ist nicht das Problem – im Gegenteil, es hat den öffentlichen Verkehr attraktiver gemacht. Die Herausforderung besteht nun darin, die Rahmenbedingungen so anzupassen, dass Angebot und Infrastruktur mit der gestiegenen Nachfrage mithalten können.



