75 Jahre im Michaelshof: Vier Bewohner feieren einzigartiges Jubiläum
75 Jahre im Heim: Vier Bewohner feiern Jubiläum

Ein besonderer Tag im Michaelshof Rostock

Am Morgen des 4. Mai 2026 versammelten sich Bewohner, Angehörige und Mitarbeiter in der Kapelle der Evangelischen Stiftung Michaelshof in Rostock-Gehlsdorf. Vier Menschen blickten auf ein Dreivierteljahrhundert zurück, das sie in dieser Pflegeeinrichtung verbracht haben. Ilse Lichter, Karl-Heinz Hameister, Hans-Harald Ehlers und Wolf-Dieter Böhm sind die Jubilare eines Tages, der zeigt, dass die Worte „nicht bedauern, sondern lieb haben“ hier nicht nur eine Floskel sind, sondern gelebte Realität.

Ein Leben in der Pflege seit 75 Jahren

Hans-Harald Ehlers kam am 4. Mai 1951 in den Michaelshof. Der 1944 geborene Mecklenburger ist von Geburt an auf Rundum-Pflege angewiesen und hat noch nie in seinem Leben gestanden. Geistig ist er relativ fit: Von seinem Liegestuhl aus verfolgt er aufmerksam das Geschehen, lacht, als er seine frühere Betreuerin Gudrun Cremer wiedersieht, und kommentiert freudig ein Video aus den Anfängen des Hofes. Er spricht in Lauten. Dass er lebt, ist ein Geschenk, denn viele Kinder mit Behinderung fielen in der NS-Zeit dem Regime zum Opfer. Dank seiner Familie überlebte er und fand im Michaelshof ein Zuhause.

Gudrun Cremer war seit den frühen 1970er Jahren als Krankenschwester im Michaelshof angestellt. Die Rentnerin erlebte den Wandel des Pflegesystems mit. Mit Hans-Harald Ehlers war sie oft im Urlaub: „Wir haben damals natürlich viel improvisiert. Aber es war alles möglich“, erinnert sie sich.

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Ilse Lichter: Die gute Seele der Küche

Ilse Lichter kam am 8. Dezember 1950 gemeinsam mit ihrem Bruder als eine der Ersten nach Rostock. Zuvor war sie in der Heil- und Pflegeanstalt Sachsenberg-Lewenberg bei Schwerin untergebracht – einem zentralen Tatort nationalsozialistischer Medizinverbrechen in Mecklenburg-Vorpommern. Zwischen 1939 und 1945 wurden dort mindestens 1.900 Menschen ermordet. Ilse Lichter überlebte und lebt nun seit 75 Jahren im Michaelshof. Geistig ist sie etwa auf dem Stand einer Sechsjährigen. Sie strahlt und zeigt stolz ihre Puppe Annegret. „Sie liebt ihre Puppen“, erzählt Betreuerin Tanja Sushkow. Jahrelang half Ilse in der Hauswirtschaft, in der Küche oder bei der Betreuung jüngerer Kinder. Vom Acht-Bett-Zimmer im Wichernhaus bis zum heutigen Zwei-Bett-Zimmer im Krabbenhaus hat sie den Wandel des Hauses miterlebt, berichtet ihre frühere Betreuerin Brigitte Eickhold, die 45 Jahre auf dem Michaelshof gearbeitet hat. Für sie sind die Bewohner fast wie Familie.

Integration und Wandel

Heino Werner, Sohn eines früheren Mitarbeiters, wuchs auf dem Gelände auf. „Ich bin mit den Jungs groß geworden“, erzählt er. Sein Vater Günther übernahm eine Gruppe mit etwa 16 Jugendlichen im Alter von zwölf bis dreizehn Jahren, darunter auch die heutigen Jubilare. Früher war mehr Betrieb auf dem Gelände, da alle Mitarbeiter hier wohnten. „Da wurde abends Federball gespielt, zusammen gesungen – das ganz normale Leben eben“, erinnert sich Werner. Berührungsängste gab es nie. „Das war echte Integration.“ Nach der Wende änderte sich das: „Plötzlich ging es nur noch ums Geld“, meint der Rentner. Alle Mitarbeiter mussten fortziehen, alles wurde nach Schweregraden oder Leistungsfähigkeit getrennt. Es wurde professioneller, aber die Sichtbarkeit behinderter Menschen in der Gesellschaft verbesserte sich deutlich.

Das Haus ihres Lebens

Mehr als 600 Mitarbeiter sind heute für die Evangelische Stiftung Michaelshof tätig, erklärt Vorstandschef Ekkehard Maase. Mehr als 2.000 Menschen werden betreut, gepflegt oder begleitet – von der Kita über die Schule bis zur Werkstatt und Altersbetreuung. Für die Jubilare ist der Michaelshof das Haus ihres Lebens. Karl-Heinz Hameister wird im August seine Verlobte Brigitte heiraten, die er im Michaelshof kennengelernt hat. Die Feierlichkeiten am 4. Mai waren ein Fest des Erinnerns und der Dankbarkeit für ein außergewöhnliches Zuhause.

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