75 Jahre im Michaelshof: Vier Bewohner feieren seltenes Jubiläum
75 Jahre Michaelshof: Vier Bewohner feiern Jubiläum

Es ist ein besonderer Tag für die Menschen im Michaelshof Rostock: Vier Bewohner blicken am Morgen des 4. Mai auf ein Dreivierteljahrhundert in der Rostocker Pflegeeinrichtung zurück. Solange und länger leben sie hier schon. Ilse Lichter, Karl-Heinz Hameister, Hans-Harald Ehlers und Wolf-Dieter Böhm sind die Jubilare eines ganz besonderen Tages, der zeigt, dass die Worte „nicht bedauern, sondern lieb haben“ hier keine Floskel, sondern gelebtes Motto sind.

75 Jahre im Michaelshof – ein Leben in der Pflege

Die Kapelle auf dem Gelände des Michaelshofs in Gehlsdorf ist gut gefüllt. Vier Jubilare, vier Tische, an denen ihre Gäste sitzen. Familienmitglieder, Betreuer – von früher und heute – sowie Freunde. Es soll auch ein Fest des Erinnerns sein, meint der Theologische Vorstand der Evangelischen Stiftung Michaelshof, Ekkehard Maase. Denn die Biografien der Geehrten, die 75 Jahre ihres Lebens in der Pflegeeinrichtung verbracht haben, reichen bis in die unmittelbare Kriegs- und Nachkriegszeit zurück.

Bilder auf den Tischen zeigen die Einrichtung und seine Bewohner zu verschiedenen Zeiten. Alles beginnt vor ihrer Zeit. 1845 wurde auf dem Gelände das „Rettungshaus für verwahrloste Knaben“ gegründet. Fotokopien zeigen die Einrichtung zur Zeit der Weimarer Republik (1918-1933), als aus der „Bewahranstalt“ ein „Erziehungsheim“ wird, das 1931 den Namen Michaelshof erhält.

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Nach dem Krieg kommt die Zeit, die auch die Jubilare schon miterlebt haben: die ersten Jahre in der DDR. Damals erhält die evangelische Stiftung Michaelshof „aus politischen Gründen keine Zuweisung von Waisenkindern“ mehr. Doch seit den frühen 50er-Jahren kümmert sich der Hof um geistig behinderte Menschen, wie Maase erklärt. Der Grund laut Chronik: Der Michaelshof hätte so nicht mit staatlichen Einrichtungen konkurriert.

Vor genau 75 Jahren, am 4. Mai 1951, kam hier Hans-Harald Ehlers an. Ehlers hat noch nie in seinem Leben gestanden, ist seit Geburt auf Rundum-Pflege angewiesen. Geistig ist der mittlerweile 82-Jährige relativ fit: Von seinem Liegestuhl aus verfolgt er aufmerksam das Geschehen am Montagmorgen. Er lacht, als er seine frühere Betreuerin, Gudrun Cremer, wiedersieht. Als ein kurzes Video gezeigt wird, das den Michaelshof in seinen Anfängen zeigt, kommentiert er freudig, was er sieht. Er spricht in Lauten.

Gudrun Cremer war seit den frühen 70ern als Krankenschwester beim Michaelshof angestellt. Die Rentnerin hat erlebt, wie sehr sich das Pflegesystem seither verändert hat. Mit Hans-Harald Ehlers war sie oft im Urlaub: „Wir haben damals natürlich viel improvisiert. Aber es war alles möglich.“

Dass er lebt, ist ein Geschenk. Denn der 1944 geborene Mecklenburger hätte genauso gut, wie viele andere Kinder mit Behinderung jener Zeit, dem NS-Regime zum Opfer fallen können. Mit dem Ende der Weimarer Republik und der Machtergreifung der Nationalsozialisten waren nämlich die rassenhygienisch-eugenischen Maßnahmen wieder verstärkt in den Fokus der „Fürsorge“ gerutscht. Dank seiner Familie überlebte Ehlers und kam 1951 dauerhaft nach Rostock-Gehlsdorf, berichtet Vorstand Maase.

Immer mit dabei: Puppe Annegret

Auch für Ilse Lichter, „die gute Seele der Küche“, wie eine ihrer Betreuerinnen sie nennt, hätte das Leben ganz anders verlaufen können. Sie kam am 8. Dezember 1950, gemeinsam mit ihrem Bruder, als eine der Ersten nach Rostock. Zuvor war sie in der Heil- und Pflegeanstalt Sachsenberg-Lewenberg bei Schwerin untergebracht.

Diese Anstalt zählt zu den zentralen Tatorten nationalsozialistischer Medizinverbrechen in Mecklenburg-Vorpommern. Zwischen 1939 und 1945 wurden Patienten aus ganz Mecklenburg nach Schwerin gebracht, ermordet oder in die Tötungsanstalt Bernburg transportiert. Auch nach dem offiziellen Ende der „Aktion T4“ wurden die Tötungen hier fortgesetzt; mindestens 1.900 Menschen fielen hier der NS-Euthanasie zum Opfer.

Ilse Richter ist geistig etwa auf dem Stand einer Sechsjährigen. Sie strahlt und freut sich sichtlich über die Aufmerksamkeit, die ihr und den anderen Jubilaren zuteilwird – und ihrer Puppe Annegret, die sie immer wieder stolz zeigt.

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„Sie liebt ihre Puppen“, erzählt Betreuerin Tanja Sushkow. Jahrelang, berichtet sie, habe Ilse kleine Aufgaben in der Hauswirtschaft übernommen, half in der Küche oder kümmerte sich um die jüngeren Kinder. Vom Acht-Bett-Zimmer im Wichernhaus bis zum heutigen Zwei-Bett-Zimmer im Krabbenhaus habe Ilse den Wandel des Hauses miterlebt, erzählt Brigitte Eickhold. Sie ist ihre frühere Betreuerin und hat insgesamt 45 Jahre auf dem Michaelshof gearbeitet. Für sie seien die Bewohner fast wie Familie.

„Ich bin mit den Jungs groß geworden“

Was Eickhold meint, weiß auch für Heino Werner, Sohn eines früheren Mitarbeiters, ganz genau. „Ich bin mit den Jungs groß geworden“, berichtet er. Sein Vater Günther habe eine „Gruppe“ übernommen, „damals mit etwa 16 Jugendlichen im Alter von zwölf bis dreizehn Jahren“. Darunter auch die heutigen Jubilare.

Früher, meint Werner, sei deutlich mehr Betrieb auf dem Gelände gewesen. „Da haben ja alle Mitarbeiter hier gewohnt“, erzählt er. „Da wurde abends Federball gespielt, zusammen gesungen – das ganz normale Leben eben.“ Berührungsängste hätte er, genau wie die anderen Kinder, nie gekannt. „Das war echte Integration.“

Nach der Wende sei das anders geworden. „Plötzlich ging es nur noch ums Geld“, meint der Rentner und berichtet von dem „schmerzhaften“ Moment, da alle Mitarbeiter fortziehen mussten. „Alles wurde getrennt, nach Schweregraden oder Leistungsfähigkeit.“ Es sei aber „professioneller“ geworden, meint Werner. Die Sichtbarkeit behinderter Menschen in der Gesellschaft sei insgesamt auch sehr viel besser geworden. Früher sei man eher unter sich gewesen.

Mehr als 600 Mitarbeiter sind für die evangelische Stiftung Michaelshof tätig, erklärt Vorstandschef Maase. Mehr als 2000 Menschen werden allein hier betreut, gepflegt oder begleitet – von Kita, über Schule bis zur Werkstatt und in der Altersbetreuung.

„Ich bin im Haus meiner Kindheit“, sagt Heino Werner schließlich, doch für die Bewohner und Jubilare ist es das Haus ihres Lebens. Seit 75 Jahren leben sie in der Pflege.