24-Stunden-Rettungsdienst in Crivitz: Ein Tag zwischen Blaulicht und Berufung
Crivitz • Ein 24-Stunden-Dienst im Rettungswesen ist mehr als nur ein Job – es ist eine Berufung, die zwischen Routine, plötzlichen Alarmen und großer Verantwortung pendelt. In der Lehrrettungswache Crivitz zeigt ein typischer Tag, wie moderne Technik, durchdachte Abläufe und menschliche Zuwendung im Rettungsdienst ineinandergreifen, um Leben zu retten und Patienten bestmöglich zu versorgen.
Der Start in den Tag: Vorbereitung und Teamgeist
Pünktlich um acht Uhr morgens hallt die Durchsage „Wachwechsel“ durch die Flure der Rettungswache Crivitz. Der Duft von frischem Kaffee liegt in der Luft, während das neue Team eintrifft: Notfallsanitäter Stefan Krömer, Rettungssanitäterin Katrin Schütt und Notfallsanitäter Thomas Hase, genannt „Hoppel“. Mit Sporttaschen und Bettzeug ausgestattet, bereiten sie sich auf einen langen Tag vor, denn hier gibt es keinen klassischen Nine-to-five-Job, sondern einen 24-Stunden-Dienst.
Gleich zu Beginn steht die Einsatzbesprechung an. In der Küche tauschen sich die drei mit dem abgelösten Team über die vergangenen 24 Stunden aus: Wie viele Einsätze wurden gefahren? Gab es besondere Vorkommnisse? „Dieser Austausch ist essenziell“, betont Stefan Krömer. „Er hält uns auf dem Laufenden und stärkt das Teamgefühl.“ Parallel werden die Melder getauscht – diese sind nicht personengebunden, sondern der Wache zugeordnet und während des gesamten Dienstes unverzichtbare Begleiter.
Um 8.15 Uhr geht es zum Rettungstransportwagen (RTW). Hier überprüfen die Sanitäter sorgfältig alle Geräte auf Funktionsfähigkeit und bereiten das Fahrzeug auf den nächsten Einsatz vor. Stefan Krömer desinfiziert dabei die Ablageflächen, während Katrin Schütt die Technik checkt. Jedes Detail zählt, um im Ernstfall schnell und effizient handeln zu können.
Einsatz 1: Schmerzen nach einem Sturz
Kaum ist die Vorbereitung abgeschlossen, ertönt um 8.40 Uhr der Alarm. Innerhalb von Sekunden öffnen sich die Rolltore, und das Team springt in den RTW. Katrin Schütt übernimmt das Steuer, Stefan Krömer sitzt als Beifahrer bereit. Diese Aufteilung hat einen wichtigen Grund: Als Notfallsanitäter verfügt Krömer über die höchste nicht-ärztliche Qualifikation im deutschen Rettungsdienst und kann so im Falle eines Patiententransports die bestmögliche Versorgung gewährleisten.
Mit Blaulicht und Martinshorn rasen sie zum Einsatzort – eine ältere Dame ist aus dem Bett gefallen und klagt über Schulterschmerzen. Trotz einer leicht verlängerten Fahrzeit, da der nächstgelegene RTW bereits im Einsatz war, erreichen sie die Patientin zügig. Behutsam untersucht Krömer die Dame, erhebt gemeinsam mit Schütt die Vitalwerte und stellt sicher, dass kein Krankenhausaufenthalt nötig ist. Nach einem einfühlsamen Gespräch und formalen Vorgängen kehren sie zur Wache zurück.
Dort folgt die Reinigung und Desinfektion des Fahrzeugs – eine Routine nach jedem Einsatz, um Oberflächen und Geräte keimfrei zu halten. Anschließend dokumentieren die Sanitäter den Einsatz und kümmern sich um bürokratische Angelegenheiten. „Bei uns wird das Auto nach jedem Einsatz gereinigt, einmal pro Woche steht dann die große Reinigung an“, erklärt Katrin Schütt.
Gemeinsames Mittagessen und Einsatz 2: Hypotonie
Gegen Mittag stärkt sich das Team mit einem gemeinsamen Essen – heute hat Thomas Hase Chili con Carne vorgekocht. Diese gemeinsamen Mahlzeiten fördern den Zusammenhalt in der „Blaulichtfamilie“. Doch die Ruhe währt nicht lange: Um 12.36 Uhr ertönt der Alarm erneut. Ein männlicher Patient in den Sechzigern leidet unter Hypotonie, also zu niedrigem Blutdruck. Sowohl der RTW als auch das Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) werden alarmiert.
Vor Ort stellt sich jedoch heraus, dass das Messgerät des Pflegedienstes defekt war – alle neu erhobenen Werte sind in Ordnung, und auch das EKG zeigt keine Auffälligkeiten. Der Einsatz kann schnell beendet werden. Zurück in der Wache reflektiert das Team die Situation: Moderne Technik, wie der neue RTW in Crivitz, der seit März im Einsatz ist, erleichtert die Arbeit enorm. „Wir sind auf einem sehr modernen Stand“, so Krömer. „Dass auf allen Wachen dieselben Fahrzeuge stehen, hilft uns, uns schnell zurechtzufinden.“
Berufung statt Beruf: Ein Leben im Rettungsdienst
Stefan Krömer blickt auf fast 30 Jahre im Rettungsdienst zurück. „Für mich ist das nicht einfach nur ein Beruf. Es ist Berufung“, betont er. Aufgewachsen in einer „Blaulichtfamilie“, engagiert er sich auch ehrenamtlich bei der Freiwilligen Feuerwehr. In seiner langen Karriere hat er viel erlebt: „Hier ist kein Tag wie der andere. Niemand weiß, was uns erwartet.“ Bis Mitte April zählte die Wache Crivitz bereits etwa 600 Einsätze – darunter viele notwendige, aber auch etliche, bei denen ein Hausarztbesuch ausgereicht hätte.
Krömer räumt mit einem weit verbreiteten Missverständnis auf: „Nur, weil wir jemanden mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus fahren, heißt das nicht, dass man als Patient schneller an die Reihe kommt. Die Krankenhäuser arbeiten mit einer Triage.“ Diese Priorisierung erfolgt unabhängig davon, ob der Patient mit dem RTW oder zu Fuß eintrifft.
Einsatz 3: Medikamentenintoxikation und Respekt für Retter
Am Abend, um 19.42 Uhr, folgt der dritte Alarm: Eine Medikamentenvergiftung erfordert schnelles Handeln. Die Sanitäter kümmern sich einfühlsam um die Patientin, decken sie zu und reden ihr gut zu, während sie mit Blaulicht zum Schweriner Klinikum fahren. Unterwegs löst ein Blitzer aus, doch das bleibt ohne Folgen, da sie im Einsatz unterwegs sind. „Wenn wir im Einsatz geblitzt werden, hat das für uns keine Konsequenzen“, erklärt Katrin Schütt.
In der Klinik übergeben sie die Patientin an die Ärzte und bereiten die Transportliege für den nächsten Einsatz vor. Auf dem Rückweg diskutieren die Sanitäter über den Respekt, der Einsatzkräften entgegengebracht wird. „Der Respekt vor Einsatzkräften hat sehr abgenommen“, stellt Stefan Krömer ernst fest. „Dass wir angehupt werden, passiert häufiger, und manchmal kommt es sogar zu handgreiflichen Übergriffen.“ Beide wünschen sich mehr Anerkennung für ihre Arbeit: „Wir wollen schließlich helfen!“
Die Nacht und ein Blick in die Zukunft
Gegen Abend kehrt Ruhe ein. Die Kollegen ziehen sich in ihre Betten zurück, und in dieser Nacht bleibt der Melder stumm. „Wenn es dem Bürger gut geht, ist das schön“, sagt Krömer am nächsten Morgen, während er Kaffee kocht. „Drei Einsätze sind für unsere Verhältnisse eher wenig – es gibt auch Schichten mit neun Einsätzen.“
Mit dem Eintreffen des nächsten Teams endet der 24-Stunden-Dienst für Stefan Krömer, Katrin Schütt und Thomas Hase. Doch die Arbeit geht weiter: Der Landkreis Ludwigslust-Parchim plant bis Ende 2027 zwei weitere Rettungswachen, um die Versorgung zu verbessern. Jede dieser Investitionen unterstreicht die Bedeutung eines gut ausgestatteten und engagierten Rettungsdienstes – einer Berufung, die weit über den Job hinausgeht.



