Lehmbau erlebt Renaissance: Ältester Baustoff der Welt revolutioniert nachhaltiges Bauen
Lehmbau-Revolution: Nachhaltiges Bauen mit traditionellem Material

Lehmbau erlebt Renaissance: Ältester Baustoff der Welt revolutioniert nachhaltiges Bauen

Im beschaulichen Wangelin im Landkreis Ludwigslust-Parchim vollzieht sich eine stille Revolution im Bauwesen. Während viele Bauherren noch auf konventionelle Materialien setzen, entdeckt eine wachsende Zahl von Fachleuten die Vorzüge eines Baustoffs, der so alt ist wie die Menschheitsgeschichte selbst: Lehm.

Von der Nische zum Mainstream

Marion Eschenbach, Leiterin der Europäischen Bildungsstätte für Lehmbau Wangelin, beobachtet einen deutlichen Wandel: „Lehm erlebt eine Renaissance“, betont die Garten- und Landschaftsarchitektin, der Bauökologie und Baubiologie besonders am Herzen liegen. Ihre Überzeugung speist sich aus praktischer Erfahrung – bereits beim Bau der Kugelhäuser am Tollensesee setzte sie erfolgreich auf den traditionellen Werkstoff.

Die Entwicklung in Wangelin begann nach der Wende bescheiden. Der Verein F.A.L. (Verein zur Förderung ökologisch-ökonomisch angemessener Lebensverhältnisse westlich des Plauer Sees) bot arbeitslos gewordenen Menschen durch Lehmbauarbeiten neue Perspektiven. Aus anfänglichen Sanierungen alter Guthäuser entwickelte sich eine Expertise, die schließlich in der Gründung der Europäischen Bildungsstätte für Lehmbau mündete.

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Vielseitigkeit des traditionellen Materials

Auf dem Gelände der Bildungsstätte wird eindrucksvoll demonstriert, dass Lehm weit mehr ist als nur ein Putz für Innenwände. Stampflehmwände, Holzträgerwerke mit Lehmziegeln und moderne Lehmbauplatten zeigen die Bandbreite der Anwendungsmöglichkeiten.

„Lehm schafft nicht nur ein hervorragendes Raumklima und ist nicht schimmelanfällig“, erklärt Eschenbach, „sondern ermöglicht auch den Bau ganzer Häuser.“ Besonders im Innenausbau gewinnen Lehmbauplatten an Bedeutung, da sie traditionelles Material mit moderner Baupraxis verbinden.

Ökologische und ökonomische Vorteile

Die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) bestätigt die ausgezeichneten Eigenschaften von Lehm als Baustoff. Das Material – einfache Erde mit Tonmineralanteil – ist in Deutschland reichlich vorhanden und kann zu 100 Prozent recycelt werden. Der entscheidende Vorteil: Im Gegensatz zu Zement wird Lehm nicht gebrannt, sondern lediglich getrocknet, was den Primärenergiebedarf um 85 Prozent reduziert.

Marion Eschenbach hebt einen weiteren wichtigen Aspekt hervor: „Die regionalen Vorkommen aller Baustoffe sind ein enormer Vorteil dieser Bauweise.“ Diese lokale Verfügbarkeit macht den Lehmbau nicht nur nachhaltiger, sondern auch unabhängiger von globalen Lieferketten.

Normative Grundlagen und Zukunftsperspektiven

Mit der neuen Deutschen Industrienorm (DIN) für tragendes Lehmsteinmauerwerk existiert mittlerweile eine klare normative Grundlage. „Dies ist ein wichtiger Schritt für die Professionalisierung des Lehmbaus“, betont Eschenbach. Auch die BAM sieht großes Potenzial: 75 Prozent der Wohnungsbauten in Deutschland entstehen in Mauerwerkbauweise, wovon über die Hälfte den geringgeschossigen Bereich betrifft – genau das Einsatzgebiet, wo Lehm besonders punkten kann.

Das Lehmhaus im Wangeliner Garten demonstriert bereits heute, was mit dem traditionellen Material möglich ist. Allerdings gibt Eschenbach zu: „Außenwände sind noch eine Herausforderung.“ Doch auch auf diesem Gebiet tut sich viel – das gesamte Feld des Lehmbaus entwickelt sich dynamisch weiter.

Bildung als Schlüssel zum Erfolg

Ein wichtiger Faktor für die weitere Verbreitung des Lehmbaus ist die Qualifikation von Fachkräften. „Handwerker kommen zu uns und bilden sich fort, aber auch immer mehr Ingenieure und Architekten schauen, was mit Lehm heutzutage schon alles möglich ist“, berichtet Eschenbach. Effizientere Arbeitsabläufe könnten die noch höheren Arbeitsstunden im Lehmbau reduzieren und ihn so wirtschaftlich konkurrenzfähiger machen.

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Parallel dazu kommen immer mehr Produkte und Systeme auf den Markt, die ein effizienteres Arbeiten mit Lehm ermöglichen. Wangelin hat sich dabei zu einem Zentrum der Lehm-Expertise entwickelt, das weit über die Region hinausstrahlt. Die Bildungsstätte versteht sich als Motor der Bauwende – einem notwendigen Umbruch hin zu nachhaltigeren, klimafreundlicheren und regional verankerten Bauweisen.