Ein halbes Jahrhundert düsteres Großstadtporträt
Im Mai 1976 erhielt Martin Scorseses Film "Taxi Driver" bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes die begehrte Goldene Palme. Nun feiert das kontroverse Psychodrama seinen 50. Geburtstag und hat nichts von seiner verstörenden Wirkung verloren. Die Geschichte des psychisch labilen Vietnam-Veteranen Travis Bickle, gespielt von Robert De Niro, der nachts als Taxifahrer durch das heruntergekommene New York der 1970er Jahre fährt, bleibt ein filmisches Meisterwerk.
Ein Protagonist für unsere Zeit
Aus heutiger Perspektive lässt sich Travis Bickle klar als "Incel" charakterisieren - ein unfreiwillig zölibatär lebender Mann, der sich von der Gesellschaft ausgestoßen und ungeliebt fühlt. Seine destruktive, heute würde man sagen: toxische Männlichkeit, sein Hass auf "den Abschaum" der Stadt und sein verzweifeltes Streben nach Anerkennung machen ihn zu einer zeitlosen Figur. In der heutigen digitalen Welt wäre Bickle wohl als hasserfüllter Troll in sozialen Netzwerken unterwegs.
Kulturkampf und gesellschaftliche Gräben
Der Film zeigt tiefe gesellschaftliche Spaltungen, die heute aktueller denn je erscheinen. Während die USA zur Entstehungszeit durch den Vietnamkrieg und die Nixon-Präsidentschaft polarisiert waren, finden sich heute ähnliche Konflikte in vielen Gesellschaften weltweit. "Taxi Driver" thematisiert fundamentale Fragen nach Machtlosigkeit, Entfremdung und dem Verlust von Orientierung in einer sich rapide verändernden Welt.
Eine verstörende Handlung
Die Handlung folgt Travis Bickles Abstieg in die Gewalt: Nachdem seine unbeholfenen Annäherungsversuche bei der Wahlkampfhelferin Betsy scheitern, radikalisiert er sich zunehmend. Sein geplanter Anschlag auf einen Präsidentschaftskandidaten misslingt, doch findet er schließlich ein Ventil für seinen aufgestauten Hass in einem brutalen Amoklauf gegen die Zuhälterbande der minderjährigen Prostituierten Iris. Das paradoxe Ende, in dem Bickle trotz seines Blutbads als Held gefeiert wird, hinterlässt beim Publikum ein beunruhigendes Gefühl der Unsicherheit.
Meisterhafte Regie und Drehbuch
Martin Scorsese, damals 33 Jahre alt, schuf mit "Taxi Driver" eine intensive, beklemmende Atmosphäre. Sein New York ist eine heruntergekommene, nahezu bankrotte Metropole, die perfekt zu Bickles paranoider Weltsicht passt. Die berühmte Spiegel-Szene mit De Niros improvisiertem "Redest du mit mir?" ist längst in die Filmgeschichte eingegangen. Drehbuchautor Paul Schrader ließ sich von eigenen New-York-Erfahrungen und den Tagebüchern des Attentäters Arthur Bremer inspirieren.
Legendäre Besetzung
Neben Robert De Niros unvergesslicher Darstellung des Travis Bickle glänzt eine herausragende Besetzung: Cybill Shepherd als unerreichbare Betsy, Harvey Keitel als windiger Zuhälter und vor allem die damals erst zwölfjährige Jodie Foster als Prostituierte Iris. Fosters Leistung war so beeindruckend, dass sie 1977 eine Oscar-Nominierung als beste Nebendarstellerin erhielt. Die Besetzung der minderjährigen Foster sorgte damals für Kontroversen, die heute wohl noch größer ausfallen würden.
Unvergessliche Filmmusik
Die dichte, bedrohliche Atmosphäre wird maßgeblich durch Bernard Herrmanns Filmmusik verstärkt. Der legendäre Komponist, bekannt für seine Arbeit mit Alfred Hitchcock, verstarb kurz nach den Aufnahmen im Dezember 1975. Sein vielschichtiger Score mit markantem Saxofon-Sound trägt wesentlich zur Sogwirkung des Films bei, der Herrmann posthum gewidmet ist.
Ein zeitloses Vermächtnis
Fünfzig Jahre nach seiner Premiere bleibt "Taxi Driver" ein herausragendes Beispiel des New-Hollywood-Kinos. Der Film thematisiert Themen, die heute noch relevanter erscheinen als je zuvor: Einsamkeit in der Großstadt, gesellschaftliche Entfremdung, toxische Männlichkeit und die Suche nach Bedeutung in einer als feindlich empfundenen Welt. Scorseses Meisterwerk fordert sein Publikum nach wie vor heraus und beweist, dass große Kunst oft unbequem sein muss.



