Eine leicht ansteigende Seitenstraße, eine unspektakuläre Bürgerhausfassade. In der E-Mail stand: „Oben klingeln, kein Name“. Ein leicht verhauener Hinterhof, vier Stockwerke hinauf. Dann ist man da, spätabends, Leute stehen mit Cocktail- und Sektgläsern im Gespräch. Im Bad ist die Wanne randvoll mit Champagnerflaschen im Eisbrockenwasser. Man tritt nach außen auf eine große Dachterrasse und schaut aufs Meer und in die dicht mit Villen besetzte, jetzt nur durch ihre Lichter markierte Hügellandschaft.
Der Filmmarkt von Cannes hat gerade einen neuen Rekord gemeldet: 16.000 Akkreditierte, um Filme, Ideen und Rechte zu handeln. 50 von ihnen sind hier oben. Ein französischer Filmvertrieb hat eingeladen. Man will gute Stimmung machen, denn gute Kritiken und Bewertungen – zumindest von den großen Branchenblättern und Zeitungen – treiben den Marktwert nach oben. Journalisten und potenzielle Käufer für die verschiedenen Marktgebiete werden elegant bearbeitet. „Notfalls mit Massage“, sagt eine Filmverkäuferin, die vier Wettbewerbsfilmen auf der Verkaufsliste hat. Eingefädelt werden hier auch Sonderscreenings für Branchen-VIPs auf gemieteten Yachten.
Filmfreaks fühlen sich bei so einem Treffen wie Fische im Wasser, weil man alkoholgelockert seine Einschätzungen anbringen kann. Wichtigkeit und Wichtigtuerei Yorgos Lanthimos? Der war vielfach im Oscarrennen mit „The Lobster“, „The Favourite“ oder „Poor Things“: Ausgelutscht! Park Chan-Wook – der Jurypräsident aus Korea, der zuletzt „No Other Choice“ im Kino hatte? „Kassengift!“ „Nicht in der Lage, den westlichen Geschmack mit zu bedienen!“ Der Gegentyp? Bong Joon Ho mit Filmen wie dem Abräumer „Parasite“.
An solchen Orten ist das Festival ganz bei sich: zwischen Kommerz und Kritik, Filmkunst und Fachgesimpel, Wichtigkeit und Wichtigtuerei. Und das Originelle: Als amerikanische Filmverkäuferin verdient man 2500 Dollar netto im Monat, fliegt dafür Business, geht in Cannes auf Geschäftskosten teuer essen – und organisiert auch Dachterrassentreffen für 20.000 Euro in einer für 200.000 Euro gemieteten Altbauwohnung, die für die elf Cannes-Tage „Headquarter“ der Firma ist: „There Is No Business Like Showbusiness“ heißt ein passender Filmtitel von 1954 mit Marilyn Monroe dazu.
Dass Cannes bei seiner Eröffnungsgala mit dem lächerlichen Film, „La Vénus électrique“ eröffnet, ist bei all dem Rummel ziemlich egal. Ein Eröffnungsfilm darf niemandem wehtun und sollte französisch sein. Es geht um einen Maler, der nach dem Tod seiner Frau eine Schaffenskrise hat, durch telepathische Sitzungen mit der Toten wieder Kreativität erlangt – und sich in das Fake-Medium verliebt – alles in schaulustiger Jugendstilzeit in Paris. Man hätte den Stoff Woody Allen überlassen sollen.
Aber das war egal, denn als großer Auftakt war Peter Jackson ein Ereignis: Ein bisschen wie ein unbeholfener Bär trat er aus der Glitzerkulisse des Grand Théâtre Lumière mit leicht unsicherem, doch auch schalkhaftem Lächeln. Nach stehendem Begrüßungsapplaus und Lobesworten wird er ans Saalmikrofon gebeten: „Ich bin kein Goldener-Palmen-Typ!“, erklärt der 17-fache Oscarträger selbstironisch und ironisch gegenüber dem Festival, das ihn nie offiziell mit einem Film einlud. Aber Jackson erzählt, wie er vor 40 Jahren mit seiner Splatter-SciFi-Low-Budget-Produktion „Bad Taste“ von Neuseeland zum Filmmarkt nach Cannes fuhr – und seinen Film wirklich verkaufen konnte. Sonst, sagt er, hätte er das Filmemachen wahrscheinlich aufgegeben. Dass dann seine „Herr-der-Ringe“-Trilogie zum Milliarden-Projekt wurde, sei auch von Cannes ausgegangen: 2001 hatte er hier nur zwanzig fertiggestellte Minuten vom ersten „Herr der Ringe“-Film gezeigt und alle Interessenten vom Filmmarkt seien sofort enthusiastisch gewesen.
Dann erklären die Chinesin Gong Li und Jane Fonda als Amerikanerin im Duo die 79. Filmfestspiele für eröffnet. Zuvor hatte die Schauspielerin Eye Haïdara in einer auf Französisch gehaltenen Galarede das Kino als „Ort des Wagemuts und der freien Kreativität“ gefeiert. Das ist Cannes: global, multiethnisch und patriotisch.
Kurz war bereits in der Eröffnungsgala Sandra Hüller aufgeblitzt: Als eines der zentralen Großporträts, die auf der Bühne eingeblendet wurden, um den Wettbewerb anzuteasern. Jetzt ist sie leibhaftig da – mit Hanns Zischler und August Diehl. In der Gala am Donnerstagabend lief „Vaterland“ von Pawel Pawlikowski – ein überwiegend auf Deutsch gedrehter polnisch-deutsch-französischer Höhepunkt der Film- und Erzählkunst: Tochter Erika Mann, selbst Autorin und Intellektuelle, ist mit ihrem Übervater Thomas Mann nach 16 Jahren Exil wieder im zerstörten Deutschland. Es ist Sommer 1949, aber schon Kalter Krieg, die Bundesrepublik hat sich gerade gegründet, die DDR wird im Oktober folgen. Der 74-jährige Großschriftsteller wurde zum Goethejahr, dem 200. Geburtstag des gebürtigen Frankfurters und Weimarer Klassikers, eingeladen und hat die Einladung zu zwei Vorträgen angenommen: zum Ärger der antikommunistischen Westdeutschen auch in der Ostzone, um in Weimar zu sprechen.
Was Pawel Pawlikowski – passend in Schwarzweiß – mit Sandra Hüller und Hanns Zischler als Vater-und-Tochter-Duo erzählt, ist fantastisch: Deutsch-deutsche Befindlichkeiten werden offengelegt, „Nestbeschmutzer“ in den Applaus gerufen, als Thomas Mann vor dem Frankfurter Grand Hotel aussteigt. Der Nazi-Tonfall ist noch nicht gewichen, eine Stunde Null hat es auch nie gegeben. Mehr Sympathie schlägt dem Schriftsteller im Osten entgegen – als ehrlichem Anti-Nazi, auch wenn Manns Über-Bürgerlichkeit im Arbeiter- und Bauern-Neustart irritiert. Dramatisch eingewoben in diese deutsche Zeitgeist- und Gesellschaftsanalyse ist die angespannte Familienpsychologie der Manns: Erika ist zur Sekretärin, Organisatorin und Chauffeurin des großen Thomas Mann degradiert.
Sie liebt ihren Bruder Klaus (August Diehl), der von Morphinen zerrüttet, nicht – wie von ihr erhofft – zur Reise hinzustößt, sondern Selbstmord begeht (in Wahrheit brachte sich Klaus Mann zwei Monate zuvor um). Während der Vater aber nach der Todesnachricht auf seiner Vortragsreise planmäßig weitermacht, ist Erika tief getroffen. Es bricht als Vorwurf an den Vater aus ihr heraus: „Du eiskalter Narzisst!“
Kann Kultur die Wunden heilen? Die Schlussszene ist dann die Botschaft von „Vaterland“. Gegen Ende ihrer Fahrt durch das kaputte Deutschland, begleitet von einem Geländewagen der Sowjetarmee, halten Vater und Tochter vor der einsamen Kriegsruine eines Landschlosses an. Sie gehen durch Mauergerippe, geplünderte und ausgebrannte Geisterhallen und kommen in die Schlosskapelle. In der Decke klafft ein Loch, so dass man in den Himmel sehen kann. Sie setzen sich auf die einzig verbliebene Kirchenbank. Plötzlich erklingt von der Empore die Orgel, tastend, immer wieder neu ansetzend. Ein Mann, oben auf der Empore, repariert etwas im Inneren der Orgel, während der andere stückweise „Jesu, meine Freude“ von Bach intoniert. Wer völlig kitschfrei sehen und hören will, wie Kultur heilen, emotionale Ruhe und damit die Chance auf inneren und äußeren Frieden geben kann, hier erlebt man es in seiner – in Anbetracht der Zerstörung – schönsten Form.
Gegen diese Poesie mit großen Themen fielen die bereits gezeigten Wettbewerbsbeiträge ab: Der schöne, etwas prosaische Beitrag „Nagi Notes“ von Fukada Koji erzählt von der japanischen Provinz als Rückzugs- oder Fluchtort. Und der französische Beitrag von Charline Bourgeois-Tacquet, zeigt zwölf Schlaglichter auf das Leben einer Chefchirurgin eines Krankenhauses zwischen engagiertem Berufsleben, Ehe, dementer Mutter – und einer amourösen Herausforderung. Dass sowohl im japanischen als auch im französischen Film die sexuellen Fragen einen lesbischen Aspekt haben, ist kein Zufall. Aber es ist beruhigend zu sehen, dass hier kein feministischer Diskurs eingefordert wird, sondern alles als Variante im Normalen gezeigt wird.



