Das einstige DDR-Traumschiff "MS Völkerfreundschaft" wird auf einer Abwrackwerft im belgischen Gent endgültig verschrottet. Fast ein Dreivierteljahr war der heute 72-jährige Dieter Schumann 1973 als Jungmatrose an Bord des Schiffes unterwegs. "Das war mal ein richtig stolzes Schiff", blickt er wehmütig zurück. "Und jetzt ist es ein Haufen Schrott."
Vom Traumschiff zum Schrotthaufen
Die "MS Völkerfreundschaft" war das erste Kreuzfahrtschiff der DDR. Für Bürger des sozialistischen Staates bot es die Möglichkeit, Reisen bis ans Schwarze Meer zu unternehmen – nicht nur bequemer als mit dem Trabant, sondern auch in luxuriöser Umgebung. Sogar Ziele im "kapitalistischen Ausland", wie Athen, wurden angesteuert, obwohl diese für DDR-Bürger eigentlich tabu waren.
Nun endet die Geschichte des Schiffes, das zuletzt unter dem Namen "Astoria" unter portugiesischer Flagge fuhr. 37 Jahre nach dem Mauerfall ist die einstige "MS Völkerfreundschaft" fahruntauglich. Das in Schweden gebaute, 160 Meter lange Schiff wurde in eine Recyclingwerft nach Gent geschleppt, wo es derzeit abgewrackt wird.
Der Zerfall an Bord
An Bord ist der Glanz vergangener Zeiten längst verblasst. Der große Speisesaal ist bereits entkernt, die letzten Zimmer im darunterliegenden Stockwerk sind als Nächstes an der Reihe. Das Schiff wird in unzählige Einzelteile zerlegt. Den Wünschen vieler Menschen nach einem Andenken an das geschichtsträchtige Wasserfahrzeug könne man jedoch nicht nachkommen, bedauert Peter Wyntin, Leiter des Schiffsrecyclings der Werft Galloo.
Insgesamt 12.000 Tonnen Material – darunter Stahl, Holz, Glas und Plastik – werden aus dem Schiff gewonnen. Über 97 Prozent des Materials sollen recycelt werden. Der Prozess sei durchgetaktet und für jedes Schiff fast identisch, erklärt Wyntin. Der einzige Unterschied sei, dass an Bord eines Kreuzfahrtschiffes mehr Müll anfalle.
Die Geschichte der "Stockholm"
Das Schiff wurde im schwedischen Göteborg gebaut und trug zunächst den Namen "Stockholm". 1948 hatte es seine Jungfernfahrt, zunächst auf der Route zwischen Skandinavien und Nordamerika. Berühmt wurde die "Stockholm" durch ein tragisches Ereignis: Am 25. Juli 1956 rammte sie im dichten Nebel vor der nordamerikanischen Küste den italienischen Luxusliner "Andrea Doria". Bei diesem Unglück starben 51 Menschen.
Kauf durch die DDR
1959 kaufte die DDR die "Stockholm" für rund 20 Millionen schwedische Kronen und benannte sie in "MS Völkerfreundschaft" um. Seit 1960 war das "Traumschiff der DDR" 25 Jahre lang auf den Meeren unterwegs. Betrieben wurde es vom Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB). Plätze an Bord waren oft eine Belohnung für Arbeiter oder Parteiveteranen.
Luxus war durchaus ein Markenzeichen der "Völkerfreundschaft", auch wenn es ein Einklassen-Schiff war. Es gab ein Außen- und ein Innenschwimmbad, einen Frisiersalon, einen Rauchersalon, ein Veranda-Café mit großer Tanzfläche und einen Kinosaal für 180 Besucher. Auch ein Operationssaal, ein Röntgenlabor und ein Hospital mit sechs Betten waren vorhanden. Es war das erste Schiff der kleinen DDR-Kreuzfahrtschiff-Flotte, zu der auch die "Fritz Heckert" und die "Arkona" gehörten. Etwa 280.000 DDR-Bürger hatten das Glück, eine Seereise mit der "MS Völkerfreundschaft" zu unternehmen.
Fluchten von Bord
Manche Passagiere nutzten die Reise für eine Flucht aus der DDR. Das Schifffahrtsmuseum in Rostock listet auf: "225 Passagiere und Besatzungsmitglieder flüchteten bei Landgängen oder durch tollkühne Sprünge (48) von Bord." Das schwimmende Museum zeigt auf Deck 3 Modelle und Utensilien der DDR-Kreuzfahrtflotte.
Erinnerungen eines Matrosen
Der damalige Matrose Dieter Schumann hat an das Jahr 1973 durchweg gute Erinnerungen. Dazu gehört auch die Zeit mit Fernsehkapitän Gerd Peters, der einem Millionen-Publikum in der DDR bekannt war und zeitweise das Kommando auf der "Völkerfreundschaft" hatte. "Der sah immer ganz schnieke aus. Und er war ein Partylöwe", erinnert sich Schumann. Auf dem FDGB-Urlauberschiff war Peters zunächst nautischer Offizier, später Kapitän.
Einmal war Jungmatrose Schumann mit einem Kollegen zur "Nachtbrigade" eingeteilt – das hieß vor allem: Deck saubermachen. Weil es an Bord aber eine Disco-Veranstaltung geben sollte, wurden beide gefragt, ob sie nicht auch Musik auflegen könnten. So legte Schumann in jener Nacht als DJ auf. Da Fernsehkapitän Peters ein großer Fan von James Last war, legte er auch dessen Musik auf, sobald Peters in Sicht kam. "Und es dauerte nicht lange und auch Peters ist durch den Saal getanzt", berichtet der heute 72-Jährige.



