Goldschmiedin auf Walz: Drei Jahre unterwegs ohne Smartphone
Goldschmiedin auf Walz: Drei Jahre ohne Smartphone

Im Regionalmuseum Neubrandenburg liegt ein weiß schimmernder, länglicher Gegenstand auf dem Tisch. Er sieht aus wie ein Knochen, ist aber der Schwimmkörper eines Tintenfischs. Goldie, eine Leipziger Goldschmiedin, drückt mit dem Daumennagel eine Spur hinein, legt ein Ringmodell in die weiche Masse und gießt flüssiges Silber in die Form. Es zischt kurz, und ein beißender, salziger Geruch steigt auf.

Silberring aus der Sepiaschale

Wenig später hält sie einen fertigen Silberring in der Hand. Feine Wellen ziehen sich über die Oberfläche. Gegossen wurde er in eine Sepiaschale – eine alte Technik der Goldschmiede. Goldie sitzt vor rund zwei Dutzend Zuhörern im Museum, neben ihr Kuratorin Wiebke Schrader. Hinter ihnen die Ausstellung „Handwerk“. Die Goldschmiedin wurde nicht nur wegen ihres Berufs eingeladen, sondern wegen ihrer Geschichte: Drei Jahre war sie auf der Walz unterwegs. Goldie ist nur ihr Reisename, den ihr ein anderer Wandergeselle gab, weil sie „so goldig“ gewesen sei. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen.

Von Wolfsburg nach Kaiserslautern

Goldie wuchs in Wolfsburg auf und absolvierte ihre Goldschmiedeausbildung in Kaiserslautern an einer schulischen Einrichtung, da klassische Lehrstellen selten sind. Zuvor hatte sie eine Ausbildung als Maler- und Lackiererin begonnen und abgebrochen. Ein Hausarzt riet ihr schließlich zu einem feinmotorischen Beruf. Nach der Gesellenprüfung arbeitete sie zunächst in der Industrie, unter anderem in der Medizintechnik und Telekommunikation. Kreativ war diese Arbeit kaum, aber sie konnte ihre Ausbildungsschulden abbezahlen. Erst danach war die Walz möglich.

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Mit 28 Jahren begann die Reise

„Mit Schulden darfst du nicht los“, sagt Goldie. Mit 28 Jahren startete sie ihre Wanderschaft. Hamburg war damals ein Zentrum für Wandergesellen. In Kneipen traf sie Reisende, die ihr erklärten, wie das Leben auf Wanderschaft funktioniert. Ein Altgeselle holte sie zu Hause ab und blieb drei Monate an ihrer Seite. In dieser Zeit lernte sie die Regeln: Kleidung, Meldung vor Rathäusern, der Platz des Hutes. Auch die Bannmeile gehört dazu: Wandergesellen dürfen ihrem Heimatort für mehrere Jahre nicht näher als 50 Kilometer kommen. Goldie reiste als Freireisende, nicht als Mitglied eines traditionellen „Schachts“.

Reisen durch Europa

Ihre Reise führte sie nach Polen, Frankreich, Belgien, Österreich, Spanien und in die Schweiz. Zwei Winter verbrachte sie auf den Kanaren. Unterwegs arbeitete sie auf Baustellen, deckte Dächer, rührte Lehmputz an, half in Großküchen oder organisierte Treffen von Metallhandwerkern. Vieles war improvisiert. Geld verdiente sie tage- oder wochenweise. Geschlafen wurde bei Kollegen, auf Baustellen oder bei Menschen, die sie erst wenige Stunden kannte. „Du lernst sehr schnell, Leute anzusprechen“, sagt Goldie, „und auch auszuhalten, wenn jemand Nein sagt.“

Leben ohne Smartphone

Drei Jahre lang hatte sie kein Smartphone. Informationen verbreiteten sich über Mundpropaganda – die „Buschtrommel“. Wer Arbeit hatte, gab die Nachricht weiter, wer einen Schlafplatz wusste, ebenfalls. Zugfahren gehörte dazu, aber Tickets kauften Wandergesellen traditionell nicht selbst. Stattdessen sprachen sie Schaffner an, sagten ihren Wanderspruch auf und baten um Mitfahrt. Ganz romantisch war die Walz nicht immer. Besonders schwierig waren Zeiten der Krankheit oder wenn sie Rückzug brauchte. „Du hast unterwegs kein Zuhause“, sagt sie. Nach Operationen musste sie bei Freunden oder Familien anderer Reisender unterkommen. Solche Momente zeigten ihr die Abhängigkeit voneinander.

Vom Laden zum Atelier

Heute hat Goldie noch ein Atelier, ihren Goldschmiedeladen in Leipzig gab sie auf. Dort gab sie weiter, was sie auf der Walz gelernt hatte: Verlässlichkeit, Geduld und den direkten Umgang mit Menschen. Besonders in Erinnerung blieb ihr eine ältere Kundin, die den Herzschrittmacher ihres verstorbenen Mannes brachte. „Der hat ihn ganz lange am Leben gehalten“, erinnert sich Goldie. Sie fertigte eine Fassung aus Gold und Silber an. Seitdem trägt die Frau das Erinnerungsstück an einer Kette um den Hals, wo es eine ihrer Narben verdeckt.

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Die Sprache der Wandergesellen

Die Sprache der Wandergesellen, das Rotwelsch, begleitet Goldie bis heute. Der Arbeitgeber heißt „Krauter“, das Rathaus „Buschbinde“, der Hut „Deckel“. Goldschmiede werden „Zitronenschleifer“ genannt – warum, weiß niemand mehr. Zum Ende des Abends gießt Goldie noch einmal einen Ring in die Sepiaschale. Das Silber kühlt langsam aus, die feinen Wellen zeichnen sich ab. Der Ring wandert durch die Reihen, die Besucher drehen ihn zwischen den Fingern, prüfen die Struktur, spüren die Restwärme. Für einen Moment wird sichtbar, was Goldie aus ihren Wanderjahren mitgenommen hat: Handwerk ist nicht nur Arbeit, nicht nur Kunst. Es schafft etwas, das Menschen fühlen und weitergeben.