Im Regionalmuseum Neubrandenburg liegt ein weiß schimmerndes, längliches Gebilde auf dem Tisch. Es ähnelt einem Knochen, ist aber der Schwimmkörper eines Tintenfischs. Goldschmiedin Goldie drückt mit dem Daumennagel eine Vertiefung hinein, legt ein Ringmodell ein, presst zwei Hälften zusammen und gießt flüssiges Silber in die Form. Kurz zischt es, ein beißender, salziger Geruch steigt auf.
Silberring entsteht vor Publikum
Wenig später hält sie einen Silberring in der Hand, dessen Oberfläche feine Wellen zieren. Gegossen wurde er in eine Sepiaschale – eine alte Technik der Goldschmiede. Goldie sitzt an diesem Abend vor rund zwei Dutzend Zuhörern im Museum, neben ihr Kuratorin Wiebke Schrader, hinter ihnen die Ausstellung „Handwerk“. Die Leipziger Goldschmiedin wurde nicht nur wegen ihres Berufs eingeladen, sondern wegen ihrer Geschichte: Drei Jahre war sie auf der Walz. Den Namen Goldie trägt sie nur unterwegs. Ein anderer Wandergeselle gab ihn ihr in den ersten Wochen, weil sie „so goldig“ gewesen sei. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen.
Von Wolfsburg nach Kaiserslautern
Goldie wurde in Wolfsburg geboren und absolvierte ihre Goldschmiedeausbildung in Kaiserslautern an einer schulischen Einrichtung, da klassische Lehrstellen selten sind. Zuvor hatte sie eine Ausbildung als Maler- und Lackiererin begonnen, aber abgebrochen. Ein Hausarzt riet ihr schließlich zu einem feinmotorischen Beruf. Nach der Gesellenprüfung arbeitete sie in der Industrie, in Medizintechnik und Telekommunikation, in der Serienfertigung. Kreativ sei das kaum gewesen, sagt sie rückblickend, aber sie habe damit ihre Ausbildungsschulden abbezahlen können. Erst danach sei die Walz möglich gewesen.
Die Regeln der Walz
„Mit Schulden darfst du nicht los“, sagt sie. Mit 28 Jahren begann ihre Reise. Hamburg sei damals ein Zentrum für Wandergesellen gewesen. In Kneipen traf sie Reisende, die ihr erklärten, wie das Leben auf Wanderschaft funktioniert. Ein Altgeselle holte sie zu Hause ab und blieb drei Monate an ihrer Seite. In dieser Zeit lernte sie die Regeln: Kleidung, Meldung bei Rathäusern, der Hut. Auch die Bannmeile gehört dazu – Wandergesellen dürfen ihrem Heimatort für mehrere Jahre nicht näher als 50 Kilometer kommen. Goldie reiste als Freireisende, anders als Mitglieder eines traditionellen „Schachts“.
Stationen der Reise
Ihre Reise führte sie durch Polen, Frankreich, Belgien, Österreich, Spanien und die Schweiz. Zwei Winter verbrachte sie auf den Kanaren. Unterwegs arbeitete sie auf Baustellen, deckte Dächer, rührte Lehmputz an, half in Großküchen oder organisierte Treffen von Metallhandwerkern. Geld verdiente sie tage- oder wochenweise. Geschlafen wurde bei Kollegen, auf Baustellen oder bei Menschen, die sie erst wenige Stunden kannte. „Du lernst sehr schnell, Leute anzusprechen“, sagt sie. „Und auch auszuhalten, wenn jemand Nein sagt.“
Leben ohne Smartphone
Drei Jahre lang hatte sie kein Smartphone. Informationen liefen über Mundpropaganda – die „Buschtrommel“ der Wandergesellen. Wer Arbeit hatte, gab die Nachricht weiter. Auch Zugfahren gehörte dazu; Tickets kauften Wandergesellen traditionell nicht selbst, sondern sprachen Schaffner an, sagten ihren Wanderspruch auf und baten um Mitfahrt. Ganz romantisch sei die Walz nicht immer gewesen, erzählt Goldie. Besonders schwierig waren Zeiten, in denen sie krank war oder Rückzug brauchte. „Du hast unterwegs kein Zuhause“, sagt sie. Nach Operationen musste sie bei Freunden oder Familien anderer Reisender unterkommen. Solche Momente zeigten ihr die Abhängigkeit der Wandergesellen voneinander.
Vom Laden zum Atelier
Heute hat sie noch ein Atelier, den Goldschmiedeladen in Leipzig gab sie auf. Dort habe sie vieles weitergegeben, was sie unterwegs gelernt hatte: Verlässlichkeit, Geduld und den direkten Umgang mit Menschen. Besonders in Erinnerung geblieben sei ihr eine ältere Kundin, die den Herzschrittmacher ihres verstorbenen Mannes brachte. „Der hat ihn ganz lange am Leben gehalten“, erinnert sich Goldie. Sie fertigte eine Fassung aus Gold und Silber an. Seitdem trägt die Frau das Erinnerungsstück an einer Kette um den Hals, wo es eine ihrer Narben verdeckt.
Die Sprache der Gesellen
Die Sprache der Wandergesellen begleitet Goldie bis heute. Im Rotwelsch heißt der Arbeitgeber „Krauter“, das Rathaus „Buschbinde“, der Hut „Deckel“. Goldschmiede werden „Zitronenschleifer“ genannt – warum, wisse niemand mehr. Zum Ende des Abends gießt Goldie noch einmal einen Ring in die Sepiaschale. Das Silber kühlt langsam aus, die feinen Wellen zeichnen sich ab. Der Ring wandert durch die Reihen, die Besucher drehen ihn zwischen den Fingern, prüfen die Struktur, spüren die Restwärme des Metalls. Und für einen Moment wird sichtbar, was Goldie aus ihren Wanderjahren mitgenommen hat: Handwerk ist nicht nur Arbeit, nicht nur Kunst. Es schafft etwas, das Menschen fühlen und weitergeben.



