Eine 79-jährige Oma aus Recklinghausen wird dank ihrer Kochvideos zum Social-Media-Star. Gemeinsam mit ihrer Enkelin Vanessa teilt sie auf TikTok und Instagram traditionelle Rezepte und Küchen-Kniffe. Millionen von Menschen schauen zu, wenn Oma Annemarie zeigt, wie man eine klare Suppe kocht oder einen perfekten Krustenbraten zubereitet. Ihr Erfolgsrezept: Natürlichkeit und jahrzehntelange Erfahrung.
Vom Krustenbraten zum viralen Hit
Alles begann mit einem Krustenbraten. Vanessa, 37, wollte das Rezept ihrer Oma festhalten und filmte sie dabei. Aus einer Laune heraus lud sie das Video auf TikTok hoch – innerhalb kurzer Zeit hatte es Millionen Aufrufe. Seit September 2024 folgten zahlreiche weitere Videos, die Tausende Follower und Millionen Klicks generierten. Gezeigt wird, wie aus einfachen Zutaten traditionelle Gerichte entstehen. Oma Annemarie weiß nicht genau, was TikTok oder Instagram sind, aber sie freut sich, dass sie Menschen „irgendwo im Internet“ helfen kann.
Generationen-Duo im Trend
Vanessa und ihre Oma sind Teil eines wachsenden Trends: Immer mehr ältere Creator und Generationen-Duos sind in sozialen Medien aktiv. Medienwissenschaftlerin Hanna Klimpe von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg erklärt: „Sie wirken besonders glaubwürdig, weil sie manchen Mechanismen widersprechen und für Überraschungsmomente sorgen.“ Ruth Gehrmann von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ergänzt: „Eine Chance ist das Aufbrechen von älteren Menschen als homogene Gruppe.“ Die Videos fördern laut Experten emotionale Stabilisierung und gegenseitiges Verständnis.
Kochbuch als Krönung
Der Erfolg des Duos gipfelt nun in einem eigenen Kochbuch. Gedreht wird am Wochenende oder abends nach Vanessas Job in einer Apotheke. Die Arbeit lohnt sich: Die Rezepte von Oma Annemarie sind jetzt auch gedruckt erhältlich. Trotz des Ruhms bleibt die Küche in Recklinghausen bodenständig: Gewürzt wird mit einer alten Pfeffermühle, geschnitten mit einer einfachen Küchenschere. Nichts ist gestellt. „Das könnte Oma auch gar nicht“, sagt Vanessa.
Moderne Oma mit Heißluftfritteuse
Oma Annemarie möchte eine moderne Oma sein. Zwei Heißluftfritteusen sind ihre treuen Helfer. „Hähnchen da drin, oh! Das Hähnchen, das ist ja einmalig“, schwärmt die 79-Jährige. Sie kocht täglich und liebt es, eine Aufgabe zu haben. Die Wertschätzung für Essen und Kochen möchte sie auch in den sozialen Medien vermitteln.
Hate-Kommentare und Heiratsanträge
Die Community ist aufmerksam: Jeder Löffel, jede Schüssel wird genau beobachtet. Hate-Kommentare richten sich nie gegen Oma Annemarie, sondern gegen Vanessa, die dann als „die Faule“ beschimpft wird. Dabei lässt Oma Annemarie ihre Enkelin aus Perfektionismus gar nicht an die Töpfe. Vanessa blockiert Beleidigungen und erzählt ihrer Oma nichts davon. Die meisten Nachrichten sind jedoch herzerwärmend: „Ich habe schon einige Heiratsanträge bekommen, nur weil sie bei Oma essen wollen“, berichtet Vanessa. Viele Follower fühlen sich durch die Videos geborgen.
Virtuelle Großeltern für eine Sehnsucht
„Man kriegt virtuell ein paar Großeltern dazu“, sagt Wissenschaftlerin Klimpe. In einer Gesellschaft, in der viele nicht in der Nähe ihrer Familie leben, bedienen die Videos eine Sehnsucht nach familiärem Zusammenhalt. Manche lernen durch Oma Annemaries langsame und deutliche Aussprache sogar Deutsch. Wie lange das Duo noch Videos macht, hängt allein von Oma Annemarie ab: „Wenn Oma morgen sagt, sie hat keinen Bock mehr, dann ist das so“, sagt Vanessa. „Aber die Zeit mit ihr gerade kann mir keiner nehmen.“



