Einzigartige Schau zum 75-jährigen Bestehen des Zentralrats der Juden
Mit einer besonderen Ausstellung wird in Braunschweig das 75-jährige Bestehen des Zentralrats der Juden in Deutschland gewürdigt. Nach Angaben der Organisatoren handelt es sich dabei um die deutschlandweit einzige Präsentation zu diesem bedeutenden Jubiläum. Die Eröffnung im Staatstheater Braunschweig erfolgte durch Oberbürgermeister Thorsten Kornblum (SPD), der betonte, dass es sich hierbei keineswegs um museales "Routinegeschäft" handle.
Historische Bedeutung und aktuelle Herausforderungen
Der Zentralrat der Juden in Deutschland wurde am 19. Juli 1950 in Frankfurt am Main gegründet - nur fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der NS-Diktatur. Als politische, gesellschaftliche und religiöse Vertretung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland hat die Organisation seither eine zentrale Rolle eingenommen.
Zentralratspräsident Josef Schuster hob bei der Eröffnung den hohen emotionalen und ideellen Wert der Ausstellung hervor. Gleichzeitig betonte er die "schmerzliche Aktualität" des Themas: "Seit dem 7. Oktober spüren wir einen explosionsartigen Anstieg des Antisemitismus", erklärte Schuster und forderte entschlossenes Handeln dagegen.
Vielfalt jüdischen Lebens im Fokus
Die Ausstellung im Städtischen Museum Braunschweig, die vom 24. Februar bis 20. September 2026 zu sehen sein wird, will nach Angaben der Macher jüdisches Leben in all seiner Vitalität und Vielfalt zeigen. "Sie reduziert jüdisches Leben weder auf das Menschheitsverbrechen der Schoah und den heute leider erstarkenden Antisemitismus, noch stellt sie es als etwas Exotisches dar", erläuterte Schuster.
Stattdessen beleuchtet die Schau das Wirken einzelner Präsidenten und Führungspersönlichkeiten des Zentralrats und würdigt die Verdienste der Organisation für die jüdische Gemeinschaft und die gesamte Gesellschaft der Bundesrepublik.
Persönliche Erinnerungen und historische Dokumente
Viele Ausstellungsstücke sind mit persönlichen Erinnerungen verbunden. Zentralratspräsident Josef Schuster hat beispielsweise eine Besamimbüchse in Form eines Fisches aus dem Besitz seines Vaters zur Verfügung gestellt. "Sie spielt eine Rolle beim Ausklang des wöchentlichen Schabbat, in ihr werden Gewürze aufbewahrt", erläuterte Schuster das religiöse Objekt.
Ein besonders bewegendes Exponat ist die Reproduktion eines Stolpersteins für Philipp Auerbach. Der Auschwitz-Überlebende war ab 1950 Mitglied des provisorischen Direktoriums des Zentralrats, wurde jedoch in einem politisch motivierten Prozess zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Auerbach nahm sich das Leben und wurde erst nach seinem Tod rehabilitiert. "Er hatte Auschwitz, Groß-Rosen und Buchenwald überlebt, nicht jedoch die bayerische Nachkriegsjustiz", kommentieren die Ausstellungsmacher dieses tragische Kapitel.
Aktuelle Bezüge und regionale Verankerung
Die Ausstellung thematisiert auch aktuelle Entwicklungen. So finden sich Pappschilder mit der Aufschrift "BRING THEM HOME NOW", die die Forderung nach Rückkehr der israelischen Geiseln nach dem 7. Oktober 2023 aus dem Gaza-Streifen zeigen. Weitere Exponate erinnern an die Opfer des Olympia-Attentats 1972 in München und die antisemitischen Inhalte der documenta fifteen in Kassel.
Farbtupfer bringen Objekte von Makkabi Deutschland, dem Dachverband für jüdische Sportvereine, sowie ein "Bambi" aus dem jüdischen Museum Berlin, mit dem Moderator Hans Rosenthal 1973 ausgezeichnet wurde.
Warum Braunschweig als Ausstellungsort?
Museumsdirektor Peter Joch erklärte zur Standortwahl: "Die Ausstellung könnte in ganz vielen Städten gezeigt werden, das Thema ist für viele Städte virulent." In Gesprächen sei jedoch eine besondere Atmosphäre entstanden, die sowohl den Zentralrat als auch das Museum dazu bewog, die niedersächsische Stadt als Ausstellungsort zu wählen. "Wir sind sehr stolz, dass der Zentralrat uns vertraut", betonte Joch.
Ein regionaler Bezug wird beispielsweise durch die Darstellung von Bea Wyler hergestellt. Die Schweizerin war zwischen 1995 und 2004 als erste in Deutschland amtierende Rabbinerin in Braunschweig, Oldenburg und Delmenhorst tätig.
Gefördert wird die Ausstellung unter anderem von der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte und der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz. Die Schau versteht sich nicht nur als historische Rückschau, sondern als lebendige Auseinandersetzung mit jüdischem Leben in Deutschland - gestern, heute und in Zukunft.



