Münchner Ausstellung 'Haar-Macht-Lust': Das Haar als kulturelles und historisches Symbol
Ausstellung 'Haar-Macht-Lust' in München: Symbol von Schönheit und Macht

Münchner Ausstellung 'Haar-Macht-Lust': Das Haar als kulturelles und historisches Symbol

Haargenau! Haarscharf! Haarsträubend! Haarspalter! Kaum ein Körperteil ist so tief in unserer Sprache und Kultur verwurzelt wie das Haar, das in der Biologie als "Sammelbezeichnung für fadenförmige Oberflächenfortsätze" beschrieben wird und zu 80 Prozent aus Kreatin besteht. In der Kunsthalle München steht dieses faszinierende Körperteil nun im Mittelpunkt einer umfassenden Ausstellung mit dem Titel "Haar-Macht-Lust", die noch bis zum 4. Oktober zu sehen ist und etwa 200 beeindruckende Werke versammelt.

Das Haar als Ausdruck von Schönheit und Eros

Museumsdirektor Roger Diederen betont: "Das Haar ist der Inbegriff von Schönheit und Eros, von sozialer Zugehörigkeit, aber ebenso von Macht und Widerstand." Diese vielschichtige Bedeutung zeigt sich bereits in einem der frühen Exponate: Der Verführungsszene "Der erste Kuss" von Salvador Viniegra aus dem Jahr 1891, in der das Haar der Frau die Scham des Mannes bedeckt, während ein Löwenpaar im Hintergrund für Wildheit und Leidenschaft steht.

Die Ausstellung spannt einen weiten Bogen durch die Kunstgeschichte. Von der Renaissance zeigt sie Sandro Botticellis Darstellung einer Frau mit Fantasiefrisur, die angeblich Simonetta Vespucci, die meistbewunderte Dame im Florenz des 15. Jahrhunderts, porträtiert. Interessant ist dabei, dass Blond damals die angesagte Haarfarbe war - die Damen der Gesellschaft setzten sich stundenlang in die Sonne zum Bleichen und verwendeten sogar Urin als Hilfsmittel.

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Historische Haarpflege und Machtsymbolik

Die österreichische Kaiserin Elisabeth, besser bekannt als "Sisi", pflegte ihre bodenlangen Haare mit einer aufwendigen Routine von täglich drei Stunden, bei der sie unter anderem eine spezielle Cognac-Eigelb-Mischung verwendete. Auch der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz trug kunstvolle Locken als Teil seiner Erscheinung.

Doch das Haar war nicht nur Symbol für Schönheit, sondern auch für Macht und Autorität. Die biblische Geschichte von Samson und Delila illustriert dies eindrucksvoll: Samson verlor seine übermenschliche Kraft, nachdem Delila sein Geheimnis verriet und seine Haare abgeschnitten wurden. In einem Frauenporträt aus dem Jahr 1475 wirken die Haare laut Kunsthistoriker Neville Rowley wie die Schlangen des Medusenhauptes - ein weiteres Beispiel für die bedrohliche Symbolkraft des Haares.

Politische und soziale Dimensionen des Haares

Frankreichs Sonnenkönig Ludwig XIV. verbarg seine Glatze unter einer wallenden Perücke, was am Hof zur allgemeinen Mode wurde und Toupets zum Statussymbol machte. Bis heute tragen Richter in Großbritannien und einigen Commonwealth-Ländern Perücken, um die Würde ihres Amtes zu betonen.

Auf der anderen Seite der Machtdemonstration steht die Erniedrigung durch gewaltsames Haarabschneiden. Schon in der Antike wurden Frauen wegen Ehebruchs oder Kollaboration mit dem Feind die Haare abgeschnitten - eine Praxis, die sich durch die Geschichte zieht und die soziale Ächtung symbolisiert.

Die Ausstellung zeigt auch zeitgenössische Positionen: Von der Punk-Bewegung, dokumentiert durch Herlinde Koelbls Fotografien aus dem Jahr 2007, bis hin zu John Lennon und Yoko Onos berühmtem Bett-in-Protest gegen den Vietnamkrieg 1969, bei dem das Haar als Ausdruck des Widerstands diente. Selbst das Hollywood-Haar findet Erwähnung, exemplarisch dargestellt durch Schauspielerin Veronica Lake, die in den 1940er Jahren mit ihrer charakteristischen Goldblond-Frisur berühmt wurde.

Die Münchner Ausstellung "Haar-Macht-Lust" offenbart damit die erstaunliche Bandbreite dieses scheinbar so alltäglichen Körperteils - vom biologischen Faden bis zum kulturellen Symbol, das Schönheit und Eros, Macht und Widerstand, Zugehörigkeit und Ausgrenzung in sich vereint.

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