Mit fast 100 Jahren täglich im Atelier: Malerei als Lebenselixier eines Künstlers
Fast 100-jähriger Künstler malt täglich im Atelier

Mit fast 100 Jahren täglich im Atelier: Malerei als Lebenselixier

Gardelegen • Ein Stück Uckermark in Sachsen-Anhalt: Wolfram Schubert sitzt in seinem Lieblingssessel im Atelier, hinter ihm der Blick aus dem Fenster. Der bald 100-jährige Künstler malt und malt und malt. Dass er in wenigen Monaten seinen runden Geburtstag begeht, scheint ihn nur wenig zu kümmern.

Ein Leben für die Kunst

Bei einem Treffen vor knapp zehn Jahren in Potzlow in der Uckermark rief mir der fast 90-jährige Wolfram Schubert bei der Abfahrt zu: „Bis zum nächsten Mal, spätestens, wenn ich 100 werde.“ Damals sprachen wir über das Leben in der Idylle im Nordosten, das er sich schon als junger Mann gewünscht hatte. Er erzählte von seinem Aufstieg als Maler in der DDR, dem Umzug 1960 in den Bezirk Neubrandenburg und den Etappen seines künstlerischen Wirkens.

Wir sprachen auch über seine fast vergessenen Wandbilder aus DDR-Zeiten, die klassenkämpferische Titel wie „Kampf und Sieg der Arbeiterklasse“ trugen. Dieses Fresko schuf er 1969 für das Foyer der SED-Bezirksleitung in Neubrandenburg. Nach der Wende wurde es überklebt, doch 2023 wieder freigelegt.

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Umzug mit 94 Jahren

Im Alter von 90 Jahren war absehbar, dass es irgendwann nicht mehr mit dem Autofahren klappen würde. Damals meinte Schubert mit einem Lächeln in den Augen, er würde sich dann Pferd und Kutsche anschaffen. Doch dieses Vergnügen gönnte er sich nicht mehr: 2020 packten die Schuberts die Koffer und zogen in die Kleinstadt Gardelegen nach Sachsen-Anhalt. Er zählte seinerzeit 94 Lenze, seine Frau Ingeborg 89 Jahre. Als bekannt wurde, dass der Maler-Methusalem umziehen würde, dachten viele: So einen „alten Baum“ verpflanzt man doch nicht mehr.

Wer Wolfram Schubert in seiner neuen Heimat treffen will, besucht ihn im Atelier. Dort steht er täglich spätestens ab 10 Uhr an der Staffelei. „Malen ist mein Lebenselixier. Das brauche ich einfach“, sagt er. Während ihm das flotte Gehen nicht mehr so leicht fällt, liegen ihm die Pinsel weiter gut in der Hand. Allerdings flucht er bisweilen über sich selbst, wenn ihm die Namen von Menschen, die vor 60, 70 Jahren seinen Weg gekreuzt haben, nicht sofort einfallen.

Warum Gardelegen?

In der Kleinstadt mit knapp 22.000 Einwohnern, gelegen in der Altmark, schließt sich ein Lebenskreis von Familie Schubert: Im nahen Dorf Grünenwulsch lernte er Ende der 1940er-Jahre seine Frau Ingeborg kennen, nachdem er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden war. „Sie war die hübscheste junge Frau des Dorfes. Natürlich wollte ich sie unbedingt haben!“ 1949 heirateten beide. Seit mehr als 75 Jahren gehen sie zusammen ihren Weg. In Gardelegen wohnen zwei ihrer drei Kinder.

„Und da ist noch etwas, das mich an meine Jugend erinnert“, sagt Schubert schmunzelnd. Als er Ende der 1950er-Jahre sein Studium an der Kunsthochschule Berlin beendet hatte, riet sein Dozent den Absolventen, sich ein Ladengeschäft in Ostberlin zu suchen. Schubert fand ein Atelier im Prenzlauer Berg. „Ich habe mich morgens von meiner Frau mit einem Kuss verabschiedet und war bis abends im ‚Laden‛ malen. So ist es heute auch wieder.“

Produktive Unruhe im Atelier

Unweit des Marktplatzes von Gardelegen hat er zwei riesige Geschäftsräume im Erdgeschoss angemietet, die von produktiver Unruhe zeugen:

  • Bilder und Skizzen
  • Pinsel und Farbtuben
  • Fertiges und Angefangenes
  • Briefe und Zeitungsausschnitte
  • Plastiken und Drucktechnik

An der Wand stehen meterlange Schränke, in denen Hunderte Aquarelle, Ölbilder und Grafiken lagern. Landschaften, Orte und Menschen der Uckermark, Polens, Italiens, Afrikas – ein ganzes Leben in Bildern.

Gardelegen als neue Kulisse

Auf der Staffelei stehen zwei neue Bilder: enge Gassen mit alter Bebauung. Der Schnee auf dem Pflaster sorgt für Sauberkeit und betont die satten Farben. Wolfram Schubert hat Gardelegen als Kulisse für sich entdeckt, er hält die gut erhaltene Altstadt in kräftigen, freundlichen Ölfarben fest. Wer ihm über die Schulter schauen will, kann das gerne tun. Schubert nimmt sich auch Zeit für einen Plausch.

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Schicksalsschläge und Ausstellung

Zuletzt musste er allerdings einige Schicksalsschläge hinnehmen: Sein zehn Jahre jüngerer Bruder, der Fotokünstler Hans-Joachim Schubert aus Neddemin bei Neubrandenburg, starb Ende 2025 nach längerer Krankheit. Zusammen mit seiner Schwägerin Anita Schubert, Textil- und Papierkünstlerin, wollte Schubert für Ende März eine Ausstellung mit seinen und Werken seines Bruders in Magdeburg vorbereiten. Doch dann starb Anfang dieses Jahres plötzlich auch Anita Schubert.

Trotzdem ist die Exposition „Zwei Brüder“ seit Kurzem in der Magdeburger Galerie „Himmelreich“ zu sehen. „Was beide Künstler eint, ist das geschulte Auge und die sichere Hand und zunehmend mit dem Alter auch die Themen“, heißt es im Ausstellungstext.

Zurückblick auf das künstlerische Wirken

Ingeborg und Wolfram Schubert waren 1960 nach Neubrandenburg gezogen. Wenige Jahre später überzeugte der ältere den jüngeren Bruder, in den Norden zu ziehen. „Ich habe meinen Bruder vielleicht auch auf den künstlerischen Weg gebracht, ihn ermutigt, mit seinen Fotos zu experimentieren“, sagt Wolfram Schubert.

Das Geschehen in der alten Heimat verfolgt er sporadisch. Ja, er habe mitbekommen, dass die Neubrandenburger Stadtvertreter erneut über sein Wandbild im Rathaus diskutiert hätten. Ende Februar entschied die Stadtvertretung, dass das 2023 freigelegte Fresko dauerhaft sichtbar sein solle. Ein Antrag, wonach das meterlange Doppelfresko im Foyer temporär durch Rollos abgedeckt werden sollte, wurde mit knapper Mehrheit abgelehnt.

Umgang mit DDR-Kunst

Gerade der Umgang der Neubrandenburger Stadtväter mit dem Bild „Kampf und Sieg der Arbeiterklasse“ zeigt exemplarisch, dass im Umgang mit DDR-Kunst nach der Bilderstürmerei Anfang der 90er-Jahre mehr Gelassenheit eingezogen ist. Als aus der SED-Bezirksleitung 1990 das Rathaus wurde, war das Bild für die Verwaltungsspitze obsolet. Ausgerechnet Schuberts Bruder Hans-Joachim, damals Kulturamtsleiter, wurde angewiesen, das Fresko „verschwinden zu lassen“. In weiser Voraussicht verwandte er seinerzeit einen schonenden Leim, um das Bild mit Tapete zu überkleben.

Es zeigte sich, dass es ausgerechnet private Unternehmer waren, die die Kunst im Dienste der SED zu schätzen wussten: So wurden Schubert-Werke durch das Neubrandenburger Softwareunternehmen Data Experts bewahrt. Zwei seiner Wandbilder restaurierten und sicherten die Besitzer der ehemaligen Post in Pasewalk sowie des Landwirtschaftsbetriebs in Altwigshagen bei Ferdinandshof.

Überzeugungen und Erbe

Wolfram Schubert könnte angesichts dieser postsozialistischen Renaissance triumphieren. Doch er genießt den Sieg im Stillen, vielleicht, weil er auch nach 1990 immer zu seinen Überzeugungen und den daraus in der DDR entstandenen Auftragswerken stand. „Was soll denn falsch sein an der Idee von Marx, den vierten Stand, also das Proletariat, gesellschaftsfähig zu machen“, sagte er vor zehn Jahren.

Heute meint er zu dem Thema: „Im Sinne des Kulturbunds, in dem ich auch Mitglied war, wollte ich nach dem verheerenden Weltkrieg zur demokratischen Erneuerung Deutschlands beitragen. Das war mein Credo, meine Überzeugung.“ Konnte er etwas bewirken? Schubert denkt kurz nach: „Ich denke ja: Das Interesse für Bildende Kunst war im Bezirk ein fester Bestandteil.“ Und mit dem Haus der Kultur und Bildung (HKB) und der Kunstsammlung wurden bleibende Einrichtungen geschaffen, in denen bis heute regelmäßig ausgestellt wird.

Ausblick

Die Ausstellung „Zwei Brüder – Ein Fotograf und ein Maler – Hans-Joachim Schubert, Wolfram Schubert“ ist bis 24. April in der Magdeburger Galerie „Himmelreich“ zu sehen. Die Kunstsammlung Neubrandenburg plant für den Juni anlässlich seines 100. Geburtstages eine Exposition in der Reihe „Im Hier und im Jetzt“. Und Wolfram Schubert? Er steht weiter täglich an der Staffelei, malt Gardelegen in Öl und beweist: Die Kunst kennt kein Alter.