Mit fast 100 Jahren täglich im Atelier: Malerei ist Lebenselixier für Wolfram Schubert
Fast 100-jähriger Maler: Tägliches Atelier als Lebenselixier

Mit fast 100 Jahren: Tägliches Malen als Lebenselixier

Gardelegen • Wolfram Schubert steht jeden Tag in seinem Atelier, obwohl er in wenigen Monaten seinen 100. Geburtstag feiert. Der Künstler, der seit 2020 in der Altmark-Stadt Gardelegen lebt, findet in der Malerei seine Lebensenergie. "Malen ist mein Lebenselixier. Das brauche ich einfach", erklärt der betagte Künstler mit fester Stimme.

Ein Künstlerleben zwischen Uckermark und Altmark

Vor knapp zehn Jahren, als Schubert fast 90 Jahre alt war, rief er bei einem Treffen in Potzlow in der Uckermark noch scherzhaft zu: "Bis zum nächsten Mal, spätestens, wenn ich 100 werde." Damals sprach er über sein Leben in der nordöstlichen Idylle, die er sich schon als junger Mann gewünscht hatte. Er erzählte von seinem Aufstieg als Maler in der DDR, dem Umzug 1960 in den Bezirk Neubrandenburg und den verschiedenen Etappen seines künstlerischen Wirkens.

Mit 90 Jahren hatte Schubert noch Pläne: Sollte das Autofahren irgendwann nicht mehr möglich sein, wollte er sich Pferd und Kutsche anschaffen. Doch dazu kam es nicht mehr. 2020 zogen er und seine Frau Ingeborg nach Gardelegen in Sachsen-Anhalt – er war damals 94, sie 89 Jahre alt. Viele fragten sich damals: Verpflanzt man so alte Bäume noch?

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Gardelegen als neuer Lebensmittelpunkt

Die Wahl fiel auf Gardelegen mit seinen knapp 22.000 Einwohnern nicht zufällig. Hier schließt sich ein Lebenskreis der Familie Schubert: Im nahen Dorf Grünenwulsch hatte der aus der Kriegsgefangenschaft entlassene junge Mann Ende der 1940er-Jahre seine spätere Frau Ingeborg kennengelernt. "Sie war die hübscheste junge Frau des Dorfes. Natürlich wollte ich sie unbedingt haben!" 1949 heirateten beide, seit mehr als 75 Jahren gehen sie gemeinsam durchs Leben. In Gardelegen wohnen zwei ihrer drei Kinder.

Schubert entdeckte in der Kleinstadt auch etwas, das ihn an seine Jugend erinnert: Nach seinem Studium an der Kunsthochschule Berlin hatte er in den 1950er-Jahren ein Atelier im Prenzlauer Berg gemietet. "Ich habe mich morgens von meiner Frau mit einem Kuss verabschiedet und war bis abends im 'Laden' malen. So ist es heute auch wieder."

Produktive Unruhe im Atelier

Unweit des Marktplatzes von Gardelegen hat Schubert zwei große Geschäftsräume im Erdgeschoss angemietet. Hier herrscht produktive Unruhe: Bilder und Skizzen, Pinsel und Farbtuben, fertige und angefangene Werke, Briefe und Zeitungsausschnitte, Plastiken und Drucktechnik. Meterlange Schränke an den Wänden beherbergen Hunderte Aquarelle, Ölbilder und Grafiken – Landschaften, Orte und Menschen aus der Uckermark, Polen, Italien, Afrika.

Auf der Staffelei stehen derzeit zwei neue Bilder: enge Gassen mit alter Bebauung, Schnee auf dem Pflaster, der für Sauberkeit sorgt und die satten Farben betont. Wolfram Schubert hat Gardelegen als Kulisse für sich entdeckt und hält die gut erhaltene Altstadt in kräftigen, freundlichen Ölfarben fest.

Schicksalsschläge und künstlerisches Erbe

Zuletzt musste der Künstler einige schwere Verluste hinnehmen: Sein zehn Jahre jüngerer Bruder, der Fotokünstler Hans-Joachim Schubert aus Neddemin bei Neubrandenburg, starb Ende 2025 nach längerer Krankheit. Zusammen mit seiner Schwägerin Anita Schubert, Textil- und Papierkünstlerin, wollte Schubert eine Ausstellung mit Werken beider Brüder in Magdeburg vorbereiten. Doch dann starb Anfang dieses Jahres plötzlich auch Anita Schubert.

Trotzdem ist die Exposition "Zwei Brüder" seit Kurzem in der Magdeburger Galerie "Himmelreich" zu sehen. "Was beide Künstler eint, ist das geschulte Auge und die sichere Hand und zunehmend mit dem Alter auch die Themen", heißt es im Ausstellungstext.

DDR-Kunst im neuen Licht

Wolfram Schubert verfolgt sporadisch, was in seiner alten Heimat Neubrandenburg geschieht. Ende Februar entschied die Stadtvertretung dort, dass sein 1969 geschaffenes Wandbild "Kampf und Sieg der Arbeiterklasse" dauerhaft sichtbar bleiben soll. Das Fresko, das er für das Foyer der SED-Bezirksleitung geschaffen hatte, war nach der Wende überklebt worden und wurde 2023 wieder freigelegt.

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Der Umgang mit diesem Werk zeigt exemplarisch, dass im Umgang mit DDR-Kunst nach der Bilderstürmerei Anfang der 1990er-Jahre mehr Gelassenheit eingezogen ist. Interessanterweise waren es private Unternehmer, die diese Kunst früh zu schätzen wussten: Schubert-Werke wurden durch das Neubrandenburger Softwareunternehmen Data Experts bewahrt, zwei seiner Wandbilder restaurierten und sicherten die Besitzer der ehemaligen Post in Pasewalk sowie eines Landwirtschaftsbetriebs.

Künstlerische Überzeugungen

Wolfram Schubert könnte angesichts dieser postsozialistischen Renaissance triumphieren, doch er genießt den Sieg im Stillen. Auch nach 1990 stand er immer zu seinen Überzeugungen und den daraus in der DDR entstandenen Auftragswerken. "Was soll denn falsch sein an der Idee von Marx, den vierten Stand, also das Proletariat, gesellschaftsfähig zu machen", sagte er vor zehn Jahren.

Heute erklärt er: "Im Sinne des Kulturbunds, in dem ich auch Mitglied war, wollte ich nach dem verheerenden Weltkrieg zur demokratischen Erneuerung Deutschlands beitragen. Das war mein Credo, meine Überzeugung." Auf die Frage, ob er etwas bewirken konnte, antwortet er nach kurzem Nachdenken: "Ich denke ja: Das Interesse für Bildende Kunst war im Bezirk ein fester Bestandteil."

Aktuelle Ausstellungen und Zukunft

Die Ausstellung "Zwei Brüder – Ein Fotograf und ein Maler – Hans-Joachim Schubert, Wolfram Schubert" ist bis 24. April in der Magdeburger Galerie "Himmelreich" zu sehen. Die Kunstsammlung Neubrandenburg plant für Juni anlässlich seines 100. Geburtstages eine Exposition in der Reihe "Im Hier und im Jetzt".

Wolfram Schubert selbst steht weiter täglich an der Staffelei. Während ihm das flotte Gehen nicht mehr so leicht fällt, liegen ihm die Pinsel weiter gut in der Hand. Allerdings flucht er bisweilen über sich selbst, wenn ihm die Namen von Menschen, die vor 60, 70 Jahren seinen Weg gekreuzt haben, nicht sofort einfallen. "Verdammt, ich werde alt!" Eine halbe Stunde später hat er den Namen dann aber doch parat.