Franz Xaver Kroetz wird 80: Ein Leben jenseits von Baby Schimmerlos
Am 25. Februar feiert Franz Xaver Kroetz seinen 80. Geburtstag. Während viele ihn vor allem als den gerissenen Klatschreporter Baby Schimmerlos aus Helmut Dietls Kultserie „Kir Royal“ kennen, ist diese Rolle nur ein winziger Ausschnitt seines umfangreichen Schaffens. Kroetz gilt als einer der bedeutendsten deutschen Dramatiker und Regisseure der Gegenwart – eine ungebärdige Naturgewalt mit Hang zur bayerischen Anarchie, die sich in keine Schublade pressen lässt.
Die Wut über die ewige Schimmerlos-Wahrnehmung
Seiner Frustration über die ständige Reduzierung auf diese Fernsehfigur gab Kroetz in einem seltenen Interview mit dem Bayerischen Rundfunk deutlichen Ausdruck: „Sie existieren nur noch als diese Fantasiefigur von Helmut Dietl. Dann fangen Sie natürlich an, um sich zu schlagen. Das ist doch logisch“, wetterte er. „Ich bin vorher schon was gewesen. Ihr Idioten, ihr Blöden, jetzt hört auf mit diesem Scheiß Baby Schimmerlos!“ Diese deutlichen Worte zeigen, wie sehr ihn die einseitige Wahrnehmung seines Werkes ärgert.
Harte Lebensschule und dramatischer Durchbruch
Die Anfänge von Kroetz‘ Karriere waren geprägt von Entbehrungen und harter Arbeit. Nachdem er das Max-Reinhardt-Seminar in Wien verlassen hatte, schlug er sich in München als Gelegenheitsarbeiter in der Großmarkthalle und als Kraftfahrer durch. „Ich war bettelarm, aber wahrscheinlich war das jetzt die Schule meines Lebens“, beschrieb er diese Zeit später. Der Durchbruch kam 1971, als er endlich seine Stücke auf die Bühne bringen konnte.
Zu seinen bekanntesten Werken zählen:
- Einakter wie „Heimarbeit“ und „Hartnäckig“ mit Ruth Drexel an den Münchner Kammerspielen
- Die Uraufführung von „Stallerhof“ am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg
- Spätere Dramen wie „Der Drang“ oder „Der Dichter als Schwein“
Seine Stücke zeichnen sich durch eine derbe, bisweilen brutale Sprache aus und behandeln soziale Missstände sowie die Nöte der Menschen. Kroetz beschäftigte sich intensiv mit Bertolt Brecht und entwickelte einen unverwechselbaren Stil, der viele begeisterte.
Vernichtung eigener Werke und späte Anerkennung
Auf seiner Homepage, die wie mit einer Schreibmaschine beschrieben wirkt, gibt Kroetz an, etwa ein Dutzend seiner Stücke vernichtet zu haben. „Um mich zu befreien, von mir und den vielen Absagen, die ich am Anfang meiner Dramatiker-Laufbahn von den Verlagen bekam, hab ich immer wieder mal, bis 1971, im elterlichen Garten ein Feuer gemacht, mich richtig angesoffen und viel beschriebenes Papier verbrannt“, notiert er dort. Dies bereue er nicht, denn „es ist noch genug da. Und wenn man sich, solange man jung ist, öfter mal zurückstutzt, wird man ziemlich kräftig.“
Der Lohn für sein beharrliches Schaffen war schließlich große Anerkennung: Ruhm und zahlreiche Auszeichnungen wie das Bundesverdienstkreuz oder der Bert-Brecht-Preis der Stadt Augsburg.
Seltene Filmauftritte und theaterischer Triumph
Fernseh- und Filmauftritte sind bei Kroetz eher die Ausnahme. „Ich werde fuchsteufelswild, wenn mir einer dreinredet“, erklärte er 2017 der Deutschen Presse-Agentur. Dennoch machte er einige Ausnahmen – nicht nur für „Kir Royal“, sondern auch für Franz Xaver Bogners „Madame Bäurin“ und Joseph Vilsmaiers „Brandner Kasper“.
Im vergangenen Sommer feierte Kroetz einen besonderen Triumph mit seiner Neufassung von Franz von Kobells Mundarterzählung „Gschichtn vom Brandner Kaspar“ für das Münchner Residenztheater. Mit wunderbaren Dialogen auf Bairisch und großartiger Inszenierung von Philipp Stölzl erzählt das Stück von einem Bauern, der den Tod beim Kartenspiel überlistet. Bei der Uraufführung im Juni 2025 saß Kroetz im Publikum und genoss den wohlverdienten Beifall.
Privates und philosophische Gedanken zum Alter
Heute lebt Kroetz zurückgezogen und gibt nur selten Interviews. Seinen 80. Geburtstag betrachtet er als bloße Zahl – kein Grund für öffentliche Feierlichkeiten. Über sein Familienleben sagte er einmal, für seine ersten beiden Kinder sei er ein schlechter Vater gewesen, da er schreiben wollte und nicht Papa spielen. Bei den Kindern aus seiner Ehe mit Marie Theres Relin sieht er das anders: „Ich glaube, ich war auch ein guter Vater, da war ich dankbar“.
Über das Älterwerden philosophiert Kroetz mit charakteristischer Direktheit: Der „Süddeutschen Zeitung“ erzählte er von guten und schlechten Tagen. „Wenn der Tod jetzt anklopfen würde und würde sagen, 'Franze, geh ma', dann tät ich sagen: 'Ja, gehen wir, ich bin heilfroh, dass du da bist.'“ An anderen Tagen fühle er sich dagegen wieder wie 50. „Dann würd’ ich sagen: 'Du spinnst wohl, ich bleib’ noch da'.“
Franz Xaver Kroetz bleibt damit auch mit 80 Jahren der unangepasste, eigenwillige Künstler, der das deutsche Theater nachhaltig geprägt hat – weit über die Rolle des Baby Schimmerlos hinaus.



