Moskauer Gericht setzt Verfahren gegen deutschen Karnevalisten fort
In Moskau wird an diesem Donnerstag das kontroverse Strafverfahren gegen den deutschen Bildhauer Jacques Tilly fortgesetzt. Der Düsseldorfer Karnevalist wird unter anderem wegen angeblicher Beleidigung von Kremlchef Wladimir Putin angeklagt. Das Verfahren findet in Abwesenheit des Angeklagten statt, wobei noch der Abschluss der Beweisaufnahme und die Plädoyers ausstehen.
Prozessverzögerungen und unklarer Ausgang
Richter Konstantin Otschirow musste in diesem Verfahren wiederholt neue Termine ansetzen. Die Gründe dafür waren vielfältig: Mal erschien die Pflichtverteidigerin nicht, mal fehlten Zeugen, und zuletzt erklärte eine Staatsanwältin, sie müsse sich erst in den Fall einarbeiten. Aufgrund dieser Umstände bleibt unklar, wie der Prozess weiter verlaufen wird und welches Urteil letztlich gefällt werden könnte.
Tilly hat mehrfach betont, dass er von der russischen Justiz nicht über das Verfahren informiert worden sei. Dennoch beobachten Diplomaten der deutschen Botschaft in Moskau den Prozess mit seinem Wissen. Der Künstler ist bekannt für seine Karnevalswagen beim Düsseldorfer Rosenmontagszug, auf denen regelmäßig Karikaturen von Putin zu sehen sind.
Schwere Vorwürfe und mögliche Konsequenzen
Laut Gericht muss sich Tilly wegen Verletzung religiöser Gefühle verantworten. Ihm wird vorgeworfen, russische Staatsorgane verunglimpft zu haben, zu denen neben der russischen Armee auch Präsident Putin gehört. Nach dem entsprechenden Gesetz drohen dafür eine Geldstrafe oder Freiheitsentzug bis zu zehn Jahren.
Bereits viele Urteile gegen Kriegsgegner
Aufgrund ähnlicher Anschuldigungen sind in Russland bereits zahlreiche Gegner der von Putin befohlenen Invasion in die Ukraine verurteilt worden. Diese Entscheidungen werden international als Unrechtsurteile der russischen Willkürjustiz kritisiert.
Zwar muss Tilly keine Auslieferung befürchten, doch im Falle einer Verurteilung könnte er bei Reisen in Länder Probleme bekommen, die von Moskau gesuchte Straftäter an Russland ausliefern. Russland könnte ihn beispielsweise zur Fahndung bei Interpol ausschreiben.
Tillys kontroverse Karnevalskunst
Jacques Tilly ist für seine bissig-satirischen Mottowagen im Düsseldorfer Rosenmontagszug berühmt. Seine Motive erscheinen regelmäßig auf Titelseiten der deutschen und internationalen Presse. Bereits mehrfach hat er seine Mottowagen Putin gewidmet.
Zu seinen bekanntesten Arbeiten gehören:
- Eine Darstellung des Kremlchefs in einer ukrainischen Wanne, in der er in Blut badet
- Ein aktueller Wagen mit Blick auf den Moskauer Prozess, der Putin in Uniform zeigt, wie er die Düsseldorfer Karnevalsfigur Hoppeditz mit einem Schwert aufspießt
Der umstrittene Karnevalswagen von 2024
Besonders eine Arbeit Tillys steht im Mittelpunkt des Moskauer Prozesses. Es handelt sich um seinen Karnevalswagen aus dem Jahr 2024, der Figuren von Putin in Uniform und Patriarch Kirill beim homosexuellen Oralverkehr zeigt.
Vorwurf der Verletzung religiöser Gefühle
In der Verhandlung wurden Aussagen von drei Zeuginnen verlesen, die sich als gläubige Christinnen bezeichnen und angeben, in ihren religiösen Gefühlen verletzt worden zu sein. Die Verletzung religiöser Gefühle wird in Russland mit hohen Strafen geahndet.
Die Frauen kritisierten, dass Tilly bei seiner Kritik am russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu weit gegangen sei, indem er das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche und Präsident Putin beleidigt habe.
Weitere Anschuldigungen und Zeugenaussagen
Ein weiterer Vorwurf lautet auf Propaganda von Homosexualität, die in Russland verboten ist. Besonders brisant ist, dass diese angeblich ausgerechnet mit Figuren des Kremlchefs und des Kirchenoberhaupts dargestellt wurde.
Die Zeuginnen gaben an, sie hätten von dem Strafverfahren gegen Tilly gehört und sich dann freiwillig gemeldet, nachdem sie sich die Darstellung des Sexualverkehrs zwischen den Figuren Putin und Kirill im Internet angesehen hätten.
Eine Staatsanwältin trug zudem Interviewaussagen Tillys vor, in denen er seine Kritik an Putins Krieg gegen die Ukraine äußerte. Dabei ging es wiederholt um Vorwürfe gegen die russischen Streitkräfte wegen der Tötung ukrainischer Zivilisten. Den Ermittlungsakten zufolge wird Tilly nicht zuletzt Hass auf Russen vorgeworfen.



