Wenn ein Tod alles ändert: Warum 'Kacken an der Havel' die absurdeste Netflix-Serie des Jahres ist
Warum 'Kacken an der Havel' die absurdeste Netflix-Serie ist

Wenn ein Tod alles ändert: Warum 'Kacken an der Havel' die absurdeste Netflix-Serie des Jahres ist

Die neue Netflix-Serie 'Kacken an der Havel' ist genauso beknackt wie ihr Name – und das ist durchaus als Kompliment gemeint. Mit einem eigenwilligen Drehbuch und surrealen Charakteren unterwandert sie die deutsche Fernsehlandschaft auf erfrischend unkonventionelle Weise und schafft dabei etwas, das man selten sieht: eine Komödie, die sich mutig über alle Konventionen hinwegsetzt.

Zurück in die ostdeutsche Provinz

Toni Fleischer, gespielt von Anton „Fatoni“ Schneider, hat vor 14 Jahren die ostdeutsche Provinz verlassen, um in Berlin eine Karriere als Rapper zu starten. Stattdessen verkauft der Millennial nun Pizza und scheitert regelmäßig bei HipHop-Contests. Sein altes Kinderzimmer im Elternhaus konserviert auf zwölf Quadratmetern eine Vergangenheit voller peinlicher und wohliger Erinnerungen: Röhrenfernseher, Kassettendeck, „Bravo“-Poster und das Sperrholzbett im Muff zerplatzter Träume.

Der Wendepunkt kommt, als seine Mutter Wera stirbt. Während Toni gerade wieder bei einem Wettbewerb versagt, wird er zur Beerdigung heimgerufen – nach Kacken an der Havel, einem fiktiven Ort, der keinen realen brandenburgischen Orten wie Motzen oder Kotzen zu nahetreten will. Der Titel ist Programm und leitet eine neunteilige, absurde Selbstfindungsreise ein.

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Eine Kooperation der Gebrüder Schaad

Hinter der Serie stehen die Brüder Alex und Dimitrij Schaad, die bereits mit früheren Projekten wie dem Kurzfilm „Invention of Trust“ und der SciFi-Lovestory „Aus meiner Haut“ Preise gewannen. Die Idee zu 'Kacken an der Havel' entstand im Familienurlaub in Schweden, als ein besoffener Landwirt ihr Wohnmobil aus dem Sand ziehen musste – eine Anekdote, die den surrealen Ton der Serie perfekt vorwegnimmt.

Dimitrij Schaad schrieb das Drehbuch und spielt zugleich Johnny Carrera, den Mann von Tonis verstorbener Mutter. Die Handlung schickt Toni zurück in seine Heimat, wo er das Abschleppunternehmen seiner Mama erbt. Eigentlich will er sofort nach Berlin zurückkehren, doch Muttis Firma, verdrängte Erinnerungen und ein androgyner Junge namens Charly, der sich als sein 13-jähriger Sohn ausgibt, halten ihn fest.

Surreale Charaktere und absurde Szenarien

Die Serie scheut sich nicht vor Realismus, Vernunft oder Logik. Stattdessen bevölkern skurrile Figuren das fiktive Dorf: Weras Mann Johnny Carrera nagt an Tonis Nerven, seine Schwester Nancy (Jördis Triebel) triezt ihn mit polizeilichem Ordnungsdrang, und ein sprechendes KI-Entlein redet ihm ständig rein. Parallel dazu drangsaliert ein sensibler Drogenboss (Marc Hosemann) das Reich der Dorfdiktatorin Veronica Ferres, die von niemand anderer als Veronica Ferres gespielt wird.

Inszenatorisch erinnert die Serie an eine Mischung aus Wes Anderson und „American Dad“, mit visuellen Gags, die an TikTok-Memes erinnern: Puppen-Laster kentern, Königsberger Klopse lösen Traumata aus, und Kameraschwenks machen Geräusche. Landei-Witze über Inzest, Dialekte und fehlende Netzabdeckung hageln nur so herab, was die Frage aufwirft: Lachen die gebürtigen Großstädter Schaad ihre Provinz an oder aus?

HipHop-Business und magischer Realismus

Über das fröhliche Chaos hinaus hat die Serie zwei klare Anliegen: das HipHop-Business selbstironisch auf die Schippe zu nehmen und magischen Realismus in die deutsche Comedy zu bringen. Dimitrij Schaad, bekannt aus Marc-Uwe Klings „Känguru-Chroniken“, hat sich seine Rolle als Johnny Carrera persönlich auf den Leib geschrieben. Große Stars wie Matthias Brandt oder Edin Hasanovic in kleinen Rollen komplettieren das Ensemble als dadaistische Blattgold-Narzissten.

Nicht jeder wird 'Kacken an der Havel' lustig finden – man darf sie sogar ziemlich witzlos finden. Doch der Mut, alle Geschmacksgrenzen zu ignorieren, verdient in einer oft verzagten Film- und Fernsehlandschaft Hochachtung. Die Serie startet am 26. Februar bei Netflix und verspricht eine erfrischend andere Art von Unterhaltung.

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