Emotion trifft Investment: Die faszinierende Logik hinter Millionenpreisen für Kunstwerke
Besucher verharren fasziniert vor Leonardo da Vincis Meisterwerk „Salvator Mundi“ im renommierten Auktionshaus Christie’s. Im November 2017 erzielte dieses Gemälde bei einer Versteigerung den unglaublichen Preis von 383,6 Millionen Euro. Solche Summen wirken auf den ersten Blick vollkommen absurd und unverständlich.
„Das hätte ich doch auch malen können“ – dieser Gedanke schießt vielen Betrachtern durch den Kopf, wenn sie vor zeitgenössischen oder historischen Kunstwerken stehen. Direkt gefolgt von der Frage: „Und dafür werden wirklich Tausende oder sogar Millionen Euro bezahlt?“ Thomas Köhler, der 60-jährige Direktor der Berlinischen Galerie in Berlin, nimmt sich dieser verblüffenden Preisfindung an und liefert tiefgehende Einblicke.
Der Mythos vom materiellen Aufwand
Zunächst korrigiert Köhler einen weit verbreiteten Irrglauben: „Kunst ist nicht deshalb teuer, weil sie besonders aufwendig oder materialintensiv herzustellen ist.“ Der erfahrene Kurator betont seinen großen Respekt vor künstlerischen Tätigkeiten, stellt jedoch klar: „Der finale Preis eines Werkes hat am Ende nur wenig mit dem verwendeten Material oder dem handwerklichen Aufwand zu tun.“
Jedem bedeutenden Kunstwerk gehe ein intensiver künstlerischer Prozess voraus – eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit Themen, oft begleitet von persönlichen Krisen und Durchbrüchen. Kunst verkörpere immer einen spezifischen Ausdruck von Haltung, Weltanschauung und einzigartiger Perspektive.
Die faszinierende Logik der Millionenpreise
Doch wie lassen sich dann Rekordsummen wie die 383,6 Millionen Euro für da Vincis „Salvator Mundi“ oder über 204 Millionen Euro für Gustav Klimts „Bildnis Elisabeth Lederer“ rational erklären? „Solche Beträge bewegen sich fast schon im Reich der Märchen und Legenden“, gesteht Köhler ein – und dennoch kommen sie regelmäßig auf internationalen Auktionen zustande.
„Kunst fungiert als exklusives Statussymbol. Die Einzigartigkeit und Aura des Kunstwerks gehen direkt auf den Besitzer über“, erläutert der Kunsthistoriker. „Ein herausragendes Werk löst starke Emotionen aus und erschafft einen besonderen Zauber, der den Betrachter in seinen Bann zieht.“ Dieser emotionale Zauber führe dazu, dass Sammler bereit sind, Preise zu zahlen, die aus rein rationaler Perspektive kaum zu rechtfertigen wären. Beim Kunstkauf erwirbt man nicht einfach ein Objekt, sondern vor allem ein intensives Gefühl und ein Stück kultureller Bedeutung.
Der entscheidende Einfluss von Öffentlichkeit und Markt
Die emotionale Komponente allein erklärt die extremen Preisunterschiede jedoch nicht vollständig. Entscheidend ist laut Köhler auch, was andere Marktteilnehmer bereit sind zu bieten und wie die breite Öffentlichkeit auf bestimmte Kunstwerke reagiert. Auch der Kunstmarkt folgt grundlegenden Marktmechanismen von Angebot und Nachfrage.
„Wenn von einem bedeutenden Künstler nur wenige Werke existieren oder verfügbar sind, entsteht automatisch ein besonderer Wert, den man nicht reproduzieren oder wiederherstellen kann“, so Köhler. Ein Gemälde verwandelt sich dann von einem einfachen Gegenstand in ein unvergleichliches Unikat mit eigener Geschichte und Provenienz.
Blue-Chip-Art als wertstabile Investition
„Es gibt künstlerische Positionen, die zeitweise total beliebt sind und enorme Preisanstiege erfahren“, beobachtet Köhler. „Und dann kann sich der kunsthistorische Blick plötzlich wieder ändern.“ Was heute euphorisch gefeiert wird, kann morgen bereits aus der Mode geraten sein. Für Investoren empfiehlt der Experte daher eine Orientierung an sogenannter „Blue-Chip-Art“.
Diese Kategorie umfasst Künstler, deren Werke als besonders wertstabil und krisensicher gelten. Namen wie Pablo Picasso, Andy Warhol, Claude Monet oder der deutsche Maler Gerhard Richter stehen exemplarisch für diese Gruppe. Ihre Werke sind rar, ihr künstlerischer Ruf international gefestigt, und ihre Marktpreise werden durch regelmäßige Auktionserfolge kontinuierlich bestätigt. Allerdings bleibt der Einstiegspreis in diese Liga naturgemäß sehr hoch, und das Risiko, beim späteren Verkauf nicht die gewünschte Rendite zu erzielen, besteht weiterhin.
Vorsicht vor kurzlebigen Hypes und Trends
Denn auch der Kunstmarkt kennt Übertreibungen und spekulative Blasen. „Nicht alles, was kurzfristig im Trend liegt, hat langfristig künstlerische Beständigkeit“, warnt Köhler. „Ähnlich wie in der Musikbranche gibt es auch in der Kunstwelt Hits, die plötzlich auftauchen und genauso schnell wieder verschwinden.“
Für Einsteiger mit begrenztem Budget rät der Galeriedirektor, sich jungen, noch nicht etablierten Künstlern zuzuwenden. Neben einem guten Gespür für Qualität und Entwicklungspotenzial gehöre auch das richtige intuitive Gefühl dazu. „Das reine Investieren ist mir persönlich zu pragmatisch und kalkuliert“, gesteht Köhler. „Bei Kunst sollte es ein bisschen mehr brennen und leidenschaftlich zugehen.“ Vielleicht ist dies die ehrlichste Antwort auf die komplexe Frage nach dem wahren Wert von Kunst: Sie ist nicht nur das, was sie auf dem Markt kostet – sondern vor allem das, was sie in uns auslöst und bewirkt.



