Germanist Carsten Gansel: Wurde das literarische Erbe der DDR systematisch ausradiert?
Der Neubrandenburger Germanist Carsten Gansel präsentiert eine provokante These: Mit dem Ende der DDR vollzog sich ein radikaler und beispielloser Umbruch in der ostdeutschen Buchlandschaft. Innerhalb kürzester Zeit nach der Wiedervereinigung sei das literarische Erbe der DDR fast vollständig abgewickelt und aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt worden. Diese These entwickelt Gansel ausführlich in seinem neuen Werk „Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand“, das er nun erstmals in der Vier-Tore-Stadt vorstellen wird.
Buchpremiere in Güstrow gefolgt von Lesung in Neubrandenburg
Nach der erfolgreichen Buchpremiere vor knapp einem Monat in Güstrow kommt Carsten Gansel am 23. April um 17 Uhr für eine Lesung nach Neubrandenburg. Die Veranstaltung findet auf dem Lindenberg statt und wird vom Stasi-Unterlagen-Archiv organisiert. Gansel, der selbst in Güstrow geboren und aufgewachsen ist, wird dabei die zentralen Argumente seines Werkes erläutern und mit dem Publikum diskutieren.
Die These vom Verschwinden einer gesamten Literaturepoche
Gansel beschreibt in seiner Untersuchung einen dramatischen Prozess Anfang der 1990er-Jahre:
- Unzählige Bücher landeten unmittelbar nach der Wende im Müll oder wurden makuliert.
- Etablierte DDR-Verlage wurden zu Schleuderpreisen verkauft oder einfach geschlossen.
- Öffentliche Bibliotheken, die das literarische Erbe bewahrten, mussten aufgrund fehlender Mittel schließen oder ihre Bestände radikal reduzieren.
Ein einzigartiger akademischer Brückenbauer
Carsten Gansel bringt für diese Analyse besondere Expertise mit. Über Jahrzehnte hinweg war er der einzige Hochschullehrer mit ostdeutschen Wurzeln, der an einer westdeutschen Universität eine Professur für Deutsche Literatur innehatte. Er lehrte an der renommierten Justus-Liebig-Universität in Gießen und konnte so beide literarischen Welten aus nächster Nähe erforschen und vergleichen. Diese einzigartige Position macht ihn zu einem besonders glaubwürdigen Chronisten dieses kulturellen Umbruchs.
Sein Buch „Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand“ ist im Reclam Verlag erschienen, umfasst 383 Seiten und kostet 28 Euro. Es bietet eine detaillierte und fundierte Analyse eines oft übersehenen Kapitels der deutschen Literaturgeschichte nach der Wiedervereinigung.
Im Anschluss an die Lesung besteht für interessierte Besucher die Möglichkeit, beim Stasi-Unterlagen-Archiv einen Antrag auf persönliche Akteneinsicht zu stellen. Hierfür ist ein gültiges Personaldokument erforderlich. Die Veranstaltung verspricht nicht nur literarische Einsichten, sondern auch eine intensive Auseinandersetzung mit einem wichtigen Teil der jüngeren deutschen Geschichte.



