Christin Nichols: Post-Punk-Hymnen gegen das Gefühlschaos
Christin Nichols: Post-Punk-Hymnen gegen Gefühlschaos

Album der Woche: Christin Nichols – „Christin Nichols“

Man könnte sich angesichts der bescheidenen Welt- und Gemütslage natürlich auch ergeben, Kapitulation: „Mach doch, geh doch / Mit dem beschissenen Flow / Vielleicht passiert ja was Schönes / Wenn man gar nix macht“, seufzt Christin Nichols im letzten Song ihres dritten Soloalbums, der einzigen Ballade, „Alles ist falsch“. Wenn aber eh alles falsch ist, dann kann man ja auch nichts richtig machen, also hat man nichts zu verlieren, wenn man sich bewegt.

Aus der stressigen Balance zwischen „Ach, was soll’s“ und „Jetzt erst recht“ schöpft die 39-jährige Sängerin, Musikerin, Theater- und TV-Schauspielerin laut drängelnde, auf griffige Refrains zielende Post-Punk-Hymnen und den sympathisch verrumpelten Charme einer Prinzessin, die sich im Sturm der Verzweiflung tapfer das Krönchen richtet. Die Song-Erzählerin schwankt zwischen aufmerksamkeitsgeiler Draufgängerei („Ich will alles oder nichts und dazu ein Beerenmixgetränk“) und Reflexionen über die Hindernisse bei der weiblichen Machtübernahme: „Hätt ich ein reguliertes Nervensystem und kein PMDD – ich würd den Laden übernehmen“, singt sie in „Keine Kontrolle“ über eine besonders heftige Form des prämenstruellen Syndroms.

Ihr Feminismus ist entwaffnend, wenn sie toxischen Männern entgegenhält: „Ich habe keine Depressionen / Es lag einfach nur an dir“. Um sich FLINTA-solidarisch zu geben, lässt sie auch mal sperrigere Arrangements zu, wie in „Andere Frauen“, in denen dann die Textzeilen aber umso geschmeidiger auf den Konfrontationspunkt kommen: „Es heißt nicht Beziehungsdrama, es heißt Femizid“. Umso berührender ist es, wenn sie in „Noch wach“ der Liebe doch noch Chancen einräumt. In „Chelsea Boots“ läuft sie in den gleichnamigen Halbstiefeln sogar geradewegs stolz und optimistisch durch die Stadt, ihre Wahlheimat Berlin.

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Erfolg auf mehreren Bühnen

Und warum auch nicht, denn es läuft bei ihr: Neben einer festen Rolle in der ZDF-Heimatfilmsoap „Lena Lorenz“ als Bestatterin Miriam Wallner spielt sie zurzeit eine tragende Nebenrolle in Moritz Rinkes Boulevard-KI-Komödie „Sophia oder Das Ende der Humanisten“ am Renaissance-Theater, die zwar nicht so viele gute Kritiken bekam, aber dafür ein Publikumsrenner ist. Während Christin Nichols bei ihrer Arbeit am Theater und im TV also schon eher mit dem Flow geht, zeigt sie sich in ihrer zusammen mit Stefan Ernst (unter anderem Isolation Berlin) selbst produzierten und geschriebenen Musik immer individueller. Statt sich dem Sog der Vergeblichkeit zu ergeben, hat sie dem allgemeinen Gefühlschaos nun einige ihrer bisher besten Lieder abgerungen. (8.2/10)

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