KI-Musik bei Trauerfeiern: Warum 'Frankenstein-Lieder' Unbehagen auslösen
Annemarie Wilcke ist eine studierte Musikerin, Trauerrednerin und Künstlerin aus Rostock, die Hochzeitszeremonien leitet und malt. Sie erkennt durchaus den Wert künstlicher Intelligenz, doch sie sieht auch klare Grenzen. Besonders in emotional aufgeladenen Momenten, wie bei Trauerfeiern, hat KI-generierte Musik ihrer Meinung nach keinen Platz.
Die perfekte Fassade mit Rissen
KI-Songs klingen auf den ersten Blick perfekt: Die Stimme zittert an den richtigen Stellen, das Klavierspiel wirkt makellos, und die Worte scheinen tiefgründig. Wer jedoch genauer hinhört, bemerkt schnell Brüche in dieser Fassade. Wilcke bezeichnet diese Musik als „Frankenstein-Lieder“ – zusammengenäht aus verschiedenen Akzenten, mit Emotionen in Ton, Wort und Bild verpackt, aber ohne echten Geist.
In ihrer Arbeit als Trauerrednerin erlebt Wilcke, dass Kunden zunehmend KI-generierte Musikstücke als Wunsch für Abschiede vorschlagen. „Oft schicken mir die Kunden Musikwünsche, Lieder, die sie berühren“, erklärt sie. Dabei handelt es sich um Lieblingsstücke der Verstorbenen oder Balladen, die Halt geben sollen. „Und da sind immer öfter auch KI-generierte Musikstücke dabei“, fügt sie hinzu.
Die Schwemme an KI-Songs und ihre Anziehungskraft
Mittlerweile gebe es eine regelrechte Flut an KI-Songs, die auf sozialen Netzwerken sowie Video- und Musikplattformen kursieren. „Sie sind irre beliebt und haben oft Zehntausende Klicks“, sagt Wilcke. Viele ihrer Kunden beschreiben diese Lieder als „emotional“, „tief“ oder „wunderschön“. Für die Musikerin ist diese Entwicklung jedoch besorgniserregend. „Diese Musik erzeugt in mir großes Unbehagen“, gesteht sie.
Wilcke verweist auf das Phänomen des „Uncanny Valley“: etwas wirkt fast menschlich, aber nicht ganz, was ein unbehagliches Gefühl auslöst. „Das findet man in Horrorfilmen, wenn ein Lächeln einen Tick zu breit ist“, erläutert sie. Den wachsenden Einsatz von KI in der Musik bewertet sie kritisch – besonders in der sensiblen Trauerarbeit.
Live-Musik entlarvt die Mängel
„Die KI quetscht jeden Text in ein Schema“, kritisiert Wilcke. Dabei entstehen grammatikalische Fehler wie „Du träumst von mich“, nur um einen Reim zu erzwingen, oder Bilder, die bei genauer Betrachtung keinen Sinn ergeben. Beispielsweise: „In unseren Herzen scheint ein Licht an jedem Ort.“ Musikalisch reihten sich Klischeemotive aneinander, als bestünde die Musik nur aus emotionalen Höhepunkten.
Besonders problematisch findet sie die fehlende Kennzeichnung solcher KI-generierten Werke. „Es gibt noch keine Verpflichtung zur Transparenz“, moniert sie. Doch etwas gibt ihr auch Hoffnung: „Wenn ich KI-Musik live spielen würde, würde man den Unterschied sofort hören“, berichtet sie. Plötzlich würden Textungenauigkeiten, überemotionalisierte Passagen und holprige Übergänge offensichtlich.
Daher ist Wilcke dazu übergegangen, Trauernden entweder alternative Lieder zu empfehlen oder, wenn es ein unbedingter Kundenwunsch ist, den Song umzuschreiben und „auf Höhe“ zu bringen.
KI als Werkzeug, nicht als Ersatz
Annemarie Wilcke fordert mehr Sensibilität beim Einsatz von KI in emotionalen Kontexten und generell mehr Transparenz. Sie sieht die Gefahr, dass die scheinbar perfekte Oberfläche echte Erfahrungen überdeckt. Die Anziehungskraft der KI-Songs erklärt sie mit ihrer leichten Verfügbarkeit und schnellen Wirkung. Doch für Abschiede zähle Authentizität mehr als Effekthascherei: beginnend beim Text, fortgesetzt in der Komposition und endend in der Aufführung, wo Nuancen, Pausen und sogar Fehler Bedeutung erhalten.
KI kann Muster liefern, aber keine gelebte Geschichte, betont Wilcke. Daher plädiert sie für Transparenz und die bewusste Entscheidung: Wo KI als Hilfsmittel dient – und wo menschliche Kunst unverzichtbar bleibt. In der Trauerarbeit, so ihr Fazit, sollte stets der Mensch im Mittelpunkt stehen, nicht die Technologie.



