Schiller: „Ein Konzert ist keine Demo“ – Interview über Euphorie und Ukraine
Schiller: „Ein Konzert ist keine Demo“ – Interview

Er zählt zu den erfolgreichsten Electro-Künstlern Deutschlands. Aber auch politisch geht Christopher von Deylen alias Schiller ungewöhnliche Wege. Im Interview mit der AZ spricht er über sein neues Album „Euphoria“, Auftritte in Krisengebieten und die Kraft der Musik.

Authentizität als Erfolgsrezept

Die Musikbranche wird immer schnelllebiger. Wie konnten Sie den Erfolg über eine so lange Zeit konservieren?

Christopher von Deylen: Eine Formel dafür kann ich leider nicht liefern. Hilfreich war bei mir aber sicher, dass ich in dem, was ich mache, authentisch bleibe. Eine musikalische Weiterentwicklung ist hoffentlich erkennbar, dem Publikum und mir versuche ich aber immer treu zu bleiben. Diese Maxime wurde früher, als ich angefangen habe, aber auch mehr belohnt als heute. Wer heute wahrgenommen werden will, muss das zu 90 Prozent über seine Persönlichkeit, seine Haltung zu verschiedenen Themen und seine Darstellung in den digitalen Kanälen tun. Ich versuche, das Erleben von Musik in den Mittelpunkt zu stellen.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

„Euphoria“ als Gegenpol zum Zeitgeist

Ihr aktuelles Album „Euphoria“ ist ein bisschen Back To The Roots. Mehr Loveparade als Chillout. Woher kommt die Neupositionierung?

Das hat zwei Gründe. Zum einen drücke ich mich seit ein paar Jahren musikalisch auch als DJ aus. Ich spiele auf arrivierten Elektronik-Festivals wie dem Parookaville. Hier habe ich diese Stilistik, dieses Lebensgefühl des zeitlich begrenzten Loslassens wiederentdeckt. Man kann es auch eine Art Rückführungs-Therapie nennen. Zum anderen habe ich immer versucht den Zeitgeist, den gesellschaftlichen Vibe, in Musik zu kondensieren. Wenn ich das aber heute tun würde, müsste mein Album wahrscheinlich „Dystopia“ heißen. Deswegen habe ich mich für meine Verhältnisse fast provokativ dazu entschlossen, das Gegenteil vom Zeitgeist zu bieten, nämlich „Euphoria“.

Auftritte im Tollwood Musikzelt

Sie gelten als Perfektionist in Sachen Sound und Lichtregie. Wie schwierig gestaltet sich für Sie dann ein Auftritt im Tollwood Musikzelt?

Vor zehn Jahren hätte ich zu viele Bedenken vor einem solchen Auftritt gehabt. In meinen Anfängen habe ich mich als scheuer Mensch hinter meinen Synthesizern auf der Bühne versteckt. Mittlerweile habe ich aber eine andere Haltung entwickelt, ein „Jetzt erst Recht“-Gefühl und ein gewisses Vertrauen in das eigene Werk.

Es ist nicht ihr erster Auftritt auf dem Tollwood.

Wir haben hier schon einmal, 2008, gespielt. Eine Zeit, in der ich mich noch nicht so frei auf der Bühne ausdrücken konnte, wie es eigentlich gut gewesen wäre. Ich war zu gefangen in musikalischen Laborbedingungen und noch nicht bereit genug, den Moment zu leben und auf das Publikum einzugehen. Ich habe seitdem aber sehr viel gelernt und vertraue der Kraft von Musik viel mehr als früher.

„Eine Schwäche für die Ukraine“

Auf „Euphoria“ haben Sie mit ukrainischen Künstlerinnen wie Julia Sanina zusammengearbeitet. Steckt dahinter auch ein politisches Statement?

Ich hatte schon immer eine Schwäche für die Ukraine. Wenn ich hier vor Ort bin, beeindruckt mich immer wieder diese Willensstärke, die auch unter widrigsten Umständen sichtbar wird. Ganz plakativ gesagt: Ich fühle mich in Kiew mit Krieg wohler als in Berlin ohne, weil man sich dort entschlossen hat, nicht einfach aufzugeben. Ich bin auch der Meinung, dass die Ukraine in dieser Form gar nicht mehr existieren würde, wenn die Menschen nicht ihre kulturelle Identität lieben würden und der unbedingten Entschlossenheit nachgehen, sie auch verteidigen zu wollen.

Wie gefährlich ist es aktuell als Künstler in der Ukraine aufzutreten?

Es kommt darauf an, wie man der Situation vor Ort begegnet. Ich bin kein Mensch mit großen Ängsten, bin aber auch nicht unvorsichtig. Und es gibt glücklicherweise auch Apps und andere digitale Netzwerke, die dich genau und zeitnah darüber informieren, ob mit Drohnenangriffen oder Raketen zu rechnen ist.

„Das Miteinander nach dem Luftalarm“

Wann sind Sie unter diesen Bedingungen in der Ukraine zuletzt aufgetreten?

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Mitte Januar, als die Angriffe wieder heftiger wurden. Wir haben mit „Interstellar“ ein aufwendiges Konzertformat kreiert, bei dem das Publikum ganz in Weiß erschien. Als die Hälfte meiner Performance ohne Luftalarm vorbei war, stellte sich ein einzigartiges Miteinander zwischen dem Publikum und mir ein. Dieses Gefühl werde ich so schnell nicht vergessen.

Die Ukraine ist nicht der einzige Krisenherd, den sie aus nächster Nähe kennen. Die iranische Künstlerin Yalda Abbasi, mit der Sie häufig auftraten, wurde kürzlich sogar verhaftet.

Um weitere Komplikationen zu vermeiden, werde ich mich dazu an dieser Stelle nicht äußern. 2017 bin ich erstmals im Iran aufgetreten und habe zu meiner Überraschung damit ein internationales Medienecho losgetreten. Angeblich war ich der erste westliche Künstler, der nach der Revolution im Iran aufgetreten ist. Später habe ich auch mit persischen Künstlern zusammengearbeitet. Das Album „Morgenstund“ ist überwiegend im Iran entstanden. Ich empfinde es so, dass die Ukraine ihre Freiheit gegen eine Invasion verteidigt, die von außen kommt. Wohingegen die Iraner ihre Freiheit wieder erlangen wollen, sich aber einem Feind stellen müssen, der von innen kommt. Die ganze Absurdität der Situation fasst für mich zusammen, wenn über mir Drohnen aus dem Iran kreisen, während ich gerade in Kiew auftrete.

„Ein Konzert ist keine Demo“

Hat das politische Engagement auch einen Einfluss auf den Austausch mit den Fans?

Ich versuche, keine politischen Sonntagsreden zu halten. Trotzdem nehme ich mir die Freiheit, in die Ukraine zu fahren, um dort zu spielen. Frei nach Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Alleine dafür gibt es natürlich immer wieder Kritik, mit der ich aber sehr gut leben kann. Ansonsten finde ich, dass ein Konzert keine Demo ist. Für mich sind die Klima-Gaza-Gegen-Rechts-Evergreens der selbsternannten „Kulturschaffenden“ ebenso langweilig wie vorhersehbar. Man kann sich wohltuenden Zuspruch abholen, denn wir wollen ja alle nur geliebt werden. Ich versuche, das überwiegend mit Klang und Musik zu erreichen. Wann und wo auch immer.

Schiller & Parov Stelar spielen am 10. Juli 2026 bei Tollwood.