Das Streaming-Paradox: Musiker schuften für Klicks, verdienen aber kaum
Eine umfassende internationale Untersuchung des Oxford Internet Institute und der Universität Groningen enthüllt ein beunruhigendes Phänomen in der Musikbranche: Die überwiegende Mehrheit der Musiker kann vom Streaming allein nicht leben, ist jedoch existenziell von diesen Plattformen abhängig. Diese als Streaming-Paradox bezeichnete Situation betrifft Künstler weltweit und stellt die Nachhaltigkeit des aktuellen Musikvertriebsmodells infrage.
Die harten Zahlen: Einkommen weit unter der Existenzgrenze
Die Forscher befragten im vergangenen Jahr 1.198 Musikschaffende aus fünf Ländern: Brasilien, Chile, den Niederlanden, Nigeria und Südkorea. Die Ergebnisse sind ernüchternd:
- 77 Prozent der Befragten erzielten im Jahr vor der Studie Einnahmen von weniger als 10.000 Euro mit ihrer Musik
- 29 Prozent davon verdienten sogar weniger als 1.000 Euro jährlich
- 26 Prozent hatten überhaupt kein Einkommen aus ihrer musikalischen Tätigkeit
Professor Robert Prey, Studienautor und Experte für digitale Kultur am Oxford Internet Institute, fasst zusammen: „Nur sehr wenige Künstler können allein vom Streaming leben. Die überwiegende Mehrheit der Musikkünstler weltweit – die weder reich noch berühmt sind – kämpft um finanzielle Anerkennung.“
Die Abhängigkeit: Warum Künstler trotzdem nicht verzichten können
Trotz der mageren Einnahmen zeigt die Studie eine erstaunliche Abhängigkeit: 81 Prozent der befragten Musiker glauben, dass Streaming für ihre Karriere „etwas oder äußerst wichtig“ sei. Professor Prey erklärt dieses Paradox: „Musiker sind in hohem Maße auf Streaming angewiesen, um Sichtbarkeit und berufliche Relevanz zu erlangen. Doch die damit erzielten Einnahmen werden allgemein als völlig unzureichend angesehen. Dieses Phänomen ist global und betrifft Künstler in Industrie- und Entwicklungsländern gleichermaßen.“
Die deutsche Realität: Ein Rapper rechnet vor
Auch in Deutschland klagen zahlreiche Musiker über die prekäre Situation. Der deutsche Rapper LGoony machte kürzlich in einem emotionalen Instagram-Video mit dem Titel „Ich kann nicht mehr“ auf die verzwickte Lage aufmerksam. Er erklärte: „Ein Stream bei Spotify bringt etwa 0,3 Cent. Damit ein Artist einen Euro erhält, muss man schon über 15 Stunden lang ausschließlich die Musik dieses Künstlers hören.“
LGoony kritisiert scharf: „Die großen Firmen haben Musik komplett entwertet.“ Hinzu kommen weitere Herausforderungen wie Algorithmen, Chat-Bots und KI-generierte Musik in sozialen Medien, die den ohnehin schwierigen Kampf um Sichtbarkeit zusätzlich erschweren.
Politische Reaktion: Runder Tisch für gerechtere Vergütung
Auf die alarmierenden Entwicklungen reagiert nun auch die Politik. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) plant für den Frühsommer einen Runden Tisch mit Vertretern von Plattenlabels und Streamingdiensten. Ziel ist es, eine gerechtere Vergütung für Musikerinnen und Musiker auszuhandeln und nachhaltige Lösungen für das Streaming-Paradox zu finden.
Die Studie zeigt deutlich: Während 42 Prozent der befragten Musiker aktuell Vollzeit Musik machen und 53 Prozent erwarten, dies künftig tun zu können, steht die finanzielle Basis dieser Berufsausübung auf wackligen Füßen. Das Streaming-Paradox bleibt eine der größten Herausforderungen für die zeitgenössische Musikwirtschaft.



