Dürrenmatts „Die Physiker“: Premiere am Deutschen Theater begeistert
Dürrenmatts „Die Physiker“: Premiere begeistert

Premierenabend im Deutschen Theater: Regisseur Bastian Kraft (46) bringt Friedrich Dürrenmatts Klassiker „Die Physiker“ auf die Bühne. Das Stück, das aus einer Zeit atomarer Bedrohung stammt, wirkt heute erschreckend aktuell. Ulrich Matthes (66) spielt die Irrenärztin Dr. von Zahnd in einer ungewöhnlichen Cross-Gender-Besetzung. Die drei Physiker werden konsequent von Schauspielerinnen verkörpert – warum, bleibt offen.

Genie im Wahnsinn: Möbius und die tödliche Weltformel

Möbius hat die Weltformel entdeckt. In falschen Händen könnte sie den Untergang der Menschheit bedeuten. Um sie zu schützen, zieht er sich in inszenierten Wahnsinn zurück und lässt sich in ein Sanatorium unter der Leitung von Dr. Mathilde von Zahnd einweisen. Doch Sicherheit gibt es auch hier nicht: Drei Krankenschwestern werden ermordet, weil sie zu viel wissen. Was als komödiantischer Kriminalfall beginnt, entpuppt sich als perfides Spiel um Macht und Kontrolle, in dem nichts ist, wie es scheint.

Wer trägt die Verantwortung für gefährliches Wissen?

Mehr als sechzig Jahre nach der Uraufführung haben sich die Fronten verschoben, die Systeme sind komplexer geworden. Doch die Frage, wer Verantwortung für gefährliches Wissen trägt, ist in Zeiten der Künstlichen Intelligenz dringlicher denn je. Krafts Inszenierung bleibt nah am Text und vertraut auf dessen Kraft. Durch den starken Kontrast der Bühnenbilder zwischen erstem und zweitem Akt wird der Klassiker in die Gegenwart geholt.

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Die Bühne als Irrenhaus-System

Peter Baurs (43) Bühnenbild setzt auf Licht und Schatten und erzielt große Wirkung. Zunächst wirkt die Bühne nahezu leer – erst auf den zweiten Blick werden drei Türen in der weißen Wand sichtbar, hinter denen sich die Zimmer der drei Physiker verbergen. Im zweiten Akt kippt die Situation: Das Irrenhaus wird zum verschachtelten System ohne Fluchtmöglichkeit, die drei Physiker sind auf engstem Raum gefangen. In dieser Verdichtung werden die wahren Identitäten der Figuren offengelegt – ausgerechnet beim gemeinsamen Verzehr einer Leberknödelsuppe.

Mit Star-Ensemble: Dürrenmatt im Heute

So entfaltet sich Dürrenmatts Text als düstere Groteske über Größenwahn und Machtfantasien, in der die Verantwortung der Wissenschaft mit rabenschwarzem Humor verhandelt wird. Besonders die Szenen um die Krankenschwestern, die sterben müssen, weil sie zu viel wissen, verbinden das Makabre mit dem Komischen – und treffen den Kern von Dürrenmatts Stück. Krafts Inszenierung setzt ganz auf die Groteske – getragen von einem Ensemble in Topform: Neben Ulrich Matthes überzeugen auch Möbius (Anja Schneider), Newton (Mareike Beykirch) und Einstein (Carmen Steinert) mit präzisem Spiel und großer Präsenz.

Kein schrilles Spektakel, sondern ein Abend mit System: Kraft inszeniert das Stück wie eine Versuchsanordnung, in der eins zum anderen führt – bis die Katastrophe unausweichlich ist. Möbius will moralisch handeln und scheitert. Denn Wissen kann nicht zurückgenommen werden, sobald es existiert.

Am Ende bleibt eine bittere Erkenntnis: Nicht die Physiker sind die Gefahr, sondern die, die ihre Ideen nutzen. Die Formel ist da – und die falschen Hände sind längst bereit. Neu ist das alles nicht, aktuell aber schon. Eine starke Inszenierung: rasant, kurzweilig und gespielt mit viel schwarzem Humor.

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