Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew, bekannt durch Werke wie „Die Moskauer Schönheit“ und „Der gute Stalin“, lebt seit vier Jahren im Exil. Auf einer Buchmesse russischer Exilverlage in Berlin präsentierte der 78-Jährige seinen neuen Roman „Die neue Barbarei“. Darin warnt er vor einer weltweiten Ausbreitung des Autoritarismus, der nicht nur Russland betreffe.
Die neue Barbarei als globales Phänomen
Jerofejew sieht die Gefahr einer neuen Barbarei nicht auf Russland beschränkt. Im Interview mit der dpa erklärte er: „Das betrifft alle. Der Liberalismus ist schön, ästhetisch, großartig, aber er erfüllt grundlegende Bedürfnisse der Menschheit nicht. Wir steuern auf die Barbarei zu, einen Ausweg gibt es nicht.“ Er verweist auf die Liebe zur Macht, zum großen Geld, zu Gewalt, Sadismus und Erniedrigung, die in Russland, Amerika, Europa mit seinen rechten Parteien sowie in China und Nordkorea zu beobachten sei. Nordkorea sei laut Jerofejew als erstes in dieser neuen Barbarei gelandet.
Die russische Schuld: Eine leere Fläche
Die Hauptfigur des Romans ist eine wunderschöne Frau, die die „russische Schuld“ verkörpert. Jerofejew erläutert: „Die russische Schuld ist eine leere Fläche, die man mit vielem füllen kann. Und 15 Prozent der Bevölkerung, die europäisch denken, erkennen sie sofort und sagen: Das ist die russische Schuld. Doch für sehr viele bleibt die Fläche leer. Für sie verwandelt sich russische Schuld sogar in russischen Stolz.“ Diese Ambivalenz spiegelt die gespaltene Haltung der russischen Gesellschaft gegenüber den Taten ihres Staates wider.
Satire und literarische Anspielungen
Trotz des düsteren Themas bleibt Jerofejew seinem Stil treu: satirisch, grotesk, voller Sex und literarischer Anspielungen. Kremlchef Wladimir Putin tritt als „Pontschik“ (Donut) auf – „sehr süß, aber alle haben sich daran übergessen“, so der Autor. Klassische russische Schriftsteller wie Puschkin, Tolstoi oder Tschechow werden in die Handlung einbezogen. Der Roman ist ein typisches Werk des Autors, der mit schwarzem Humor und scharfer Kritik nicht spart.
Leben im Exil und Kontakt zum Publikum
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs vor vier Jahren lebt Jerofejew in Deutschland. Den Kontakt zu seinem russischen Publikum hält er aufrecht, obwohl seine Bücher dort nicht mehr im Handel erhältlich sind. „Ich schreibe für viele Länder, darunter für Russland. Dort gibt es meine Bücher nicht mehr im Laden zu kaufen. Aber man kann sie mit der Post schicken, und sie kommen an. Meine Bücher gehen in viele Länder. Ich bin Deutschland dankbar, dass es mich aufgenommen und mir eine Zukunft gegeben hat“, sagte Jerofejew. Der Autor sieht sich als Teil einer lebendigen Exil-Literaturszene, die weiterhin für die Freiheit des Wortes eintritt.



