Europäische Staaten bestätigen Giftanschlag auf Nawalny
Fünf europäische Staaten haben jetzt offiziell bestätigt, was lange vermutet wurde: Der russische Oppositionelle Alexej Nawalny wurde gezielt vergiftet. In Gewebeproben der Leiche des prominenten Kreml-Kritikers wurde das hochgiftige Epibatidin nachgewiesen. Da Nawalny zum Zeitpunkt seines Todes am 16. Februar 2024 in der abgelegenen Strafkolonie „Polarwolf“ inhaftiert war, komme nur ein Giftanschlag durch russische Behörden infrage, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Schweden und den Niederlanden.
Außenminister Wadephul verurteilt russisches Regime
„Das russische Regime zeigt noch einmal seine schreckliche Fratze“, sagte der deutsche Außenminister Johann Wadephul am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz. „Das zeigt, dass er nicht nur bereit ist, einen völkerrechtswidrigen Krieg in der Ukraine zu führen, sondern dass er auch seinen schlimmsten Feind nicht nur rechtswidrig ins Gefängnis wirft, sondern auch umbringt. Und das muss Folgen haben.“
Witwe hatte Beweise ins Ausland geschmuggelt
Damit wird wissenschaftlich bestätigt, was Nawalnys Witwe Julia Nawalnaja bereits im September letzten Jahres in einer emotionalen Videobotschaft auf ihren Social-Media-Kanälen mitgeteilt hatte. Sie und ihr Team hatten es geschafft, biologische Proben vor der Beerdigung ihres Mannes zu entnehmen und ins Ausland zu schaffen. Die Proben wurden in zwei verschiedenen Ländern unabhängig voneinander untersucht – mit demselben Ergebnis: Alexej Nawalny wurde vergiftet.
„Diese Labore kamen zu demselben Schluss: Alexej wurde getötet. Genauer gesagt, er wurde vergiftet“, erklärte Nawalnaja damals. Sie forderte die Labore auf, ihre Ergebnisse über die „unbequeme Wahrheit“ zu veröffentlichen. Welches spezifische Gift gefunden wurde, hatte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht preisgegeben.
Grausame Haftbedingungen im Polarwolf-Lager
In ihrer bewegenden Videobotschaft schilderte Julia Nawalnaja die unmenschlichen Haftbedingungen, unter denen ihr Mann die letzten Jahre verbringen musste. „In den mehr als drei Jahren, die er hinter Gittern war, wurde sein Zustand schlechter und schlechter. Sie wollten ihn nicht nur umbringen, sie wollten ihn brechen“, sagte sie.
Die Strafkolonie „Polarwolf“ liegt weit über dem Polarkreis, wo die Temperaturen im Winter bis zu minus 50 Grad Celsius fallen können. Nawalny wurde systematisch gequält: mit Hunger, extremer Kälte und totaler Isolation. Ihm wurden grundlegende Rechte verweigert – kein Telefonieren, keine Besuche, später nicht einmal mehr das Schreiben von Briefen.
Isolationsfolter in winziger Zelle
„Er wurde für eine lange Zeit allein in einer Strafzelle gehalten, ohne persönliche Dinge, ohne Bücher, noch nicht mal Stift und Papier“, berichtete seine Witwe. „Alles, was er hatte, waren sechs Quadratmeter Platz, eine Tasse, eine Zahnbürste und ein Bett, das an der Wand befestigt war und tagsüber eingeklappt wurde, sodass es nicht möglich war, zu sitzen oder zu liegen. In dieser Strafzelle brachten sie ihn um.“
Die letzten qualvollen Stunden
Julia Nawalnaja beschrieb minutiös die letzten Stunden ihres Mannes am 16. Februar 2024. Gegen 12.10 Uhr wurde Alexej Nawalny zu seinem geplanten Spaziergang abgeholt – auf einen engen, von Mauern umgebenen Platz, der genauso groß wie seine Zelle war, nur draußen in der klirrenden Kälte.
Kurze Zeit später klopfte Nawalny an die Tür und sagte, dass er sich krank fühle. „Sie brachten ihn nicht einmal in die medizinische Abteilung, sondern nur wieder in seine Zelle“, schilderte seine Witwe. „Alexej hockte sich auf den Boden, zog die Knie ran und stöhnte vor Schmerzen. Er sagte, dass seine Brust und sein Bauch brennen würden. Dann übergab er sich.“
Unterlassene Hilfeleistung bis zum Tod
Laut Aussagen von Wärtern hatte Alexej Nawalny Krämpfe, atmete schwer und hustete. Die Wärter ließen ihn allein in der Zelle und verschlossen die Tür. Erst der Chef der medizinischen Abteilung ordnete nach seiner Rückkehr vom Mittagessen an, Nawalny in den Untersuchungsraum zu bringen und einen Rettungswagen zu rufen.
„Der Rettungswagen wurde mehr als 40 Minuten, nachdem Alexej begann, sich krank zu fühlen, gerufen“, berichtete Julia Nawalnaja. „Als er schon nicht mehr ansprechbar war, versuchten sie, ihn wiederzubeleben. Aber ohne Erfolg. Um 14.23 Uhr zeigte das EKG keine Aktivität mehr.“
Epibatidin – ein tödliches Nervengift
Das nun nachgewiesene Epibatidin ist ein extrem starkes Nervengift, das ursprünglich aus der Haut südamerikanischer Pfeilgiftfrösche isoliert wurde. Es wirkt auf das zentrale Nervensystem und kann zu schweren Krämpfen, Atemlähmung und schließlich zum Tod führen. Die Symptome, die Nawalny in seinen letzten Stunden zeigte – brennende Schmerzen in Brust und Bauch, Erbrechen, Krämpfe und Atemnot – passen genau zum Wirkungsprofil dieses Giftes.
Die jetzt veröffentlichten Untersuchungsergebnisse und die detaillierten Schilderungen seiner Witwe werfen ein grelles Licht auf die Methoden des russischen Regimes gegen politische Gegner. Nawalnys Tod mit nur 47 Jahren markiert einen weiteren tragischen Höhepunkt in der systematischen Verfolgung der Opposition in Russland.



