Demmin ringt mit dem 8. Mai und der Frage, wie mit der Tragödie von 1945 umzugehen ist. Bürgermeister Witkowski sieht das Gedenken als Auftrag für Demokratie und Menschlichkeit.
Demonstrationen und Gegenproteste
Absperrgitter, Polizei, lautstarke Proteste – am 8. Mai gibt es aus Demmin immer wieder ähnliche Bilder. Trotz umfangreicher Sitzblockaden gelang es in diesem Jahr den Gegendemonstranten allerdings nicht, zu verhindern, dass der „Trauermarsch“ der Rechtsextremen sein Ziel erreichte. Die Polizei führte die etwa 300 Teilnehmer nicht über die bekannte Route, sondern an der Nordmauer entlang über den Schwedenwallweg zum Hafen. Dort konnten die Anhänger der Partei „Die Heimat“ dann wie geplant ihre Kundgebung abhalten.
Am Nachmittag hatte das „Aktionsbündnis 8. Mai Demmin“, das den Gegenprotest organisierte, zu einem „Befreiungsfest“ auf den Barlachplatz eingeladen, an dem sich nach Schätzung der Veranstalter mehr als 200 Menschen beteiligten. Mit einer Stunde Verspätung startete gegen 18 Uhr am Bahnhof die Gegendemonstration unter dem Motto „8. Mai nazifrei – Wir feiern Antifaschismus“, nach Angaben der Polizei mit etwa 1500 Teilnehmern. Insgesamt waren im Stadtgebiet zehn mobile und stationäre Versammlungen angemeldet, teilte die Polizei mit. Hinzu kam eine weitere, die sich spontan formiert hat.
Polizeieinsatz und Zwischenfälle
Mit einem Großeinsatz sorgte die Polizeiinspektion Neubrandenburg dafür, das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit zu gewährleisten. Insgesamt waren „Polizeikräfte im mittleren dreistelligen Bereich“ in Demmin vor Ort, erklärte eine Pressesprecherin, darunter auch Kräfte der Bereitschaftspolizei, der Wasserschutzpolizei, der Kriminalpolizei und Einsatzkräfte aus anderen Bundesländern. Auch der Polizeihubschrauber und Diensthunde kamen zum Einsatz. Die Besatzung des Polizeihubschraubers wurde mit einem Laserpointer geblendet. Durch die Einsatzkräfte konnte ein Tatverdächtiger festgestellt werden. Ermittlungen wegen des Verdachts des gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr wurden aufgenommen.
Es habe einige Versuche gegeben, polizeiliche Absperrungen zu durchbrechen. Dabei seien durch die Beamten auch Reizstoffsprühgeräte genutzt worden. Ansonsten verliefen die Aufzüge und Kundgebungen ohne größere Störaktionen, lautet das Fazit der Polizei.
Gedenkgottesdienst und Bürgermeisterrede
Etliche Demminer beobachteten das Geschehen am Straßenrand. Zur offiziellen Andacht der Hansestadt im Gedenken an die Opfer der Tragödie von 1945 am Freitagnachmittag in der Kirche St. Bartholomaei kamen in diesem Jahr jedoch nur sehr wenige Menschen. In seiner Ansprache bei diesem traditionellen Friedensgebet erinnerte Bürgermeister Thomas Witkowski (CDU) daran, „dass hinter historischen Zahlen und Berichten immer einzelne Menschen stehen. Menschen mit Geschichten, mit Gefühlen, mit Hoffnungen, die in einem Moment zerstört wurden.“
Die Maitage des Jahres 1945 haben sich tief in das kollektive Gedächtnis der Hansestadt eingebrannt, sagte der Bürgermeister. „Diese Ereignisse sind Teil unserer Geschichte.“ Und es gehe nicht darum, Geschichte zu relativieren oder zu instrumentalisieren: „Es geht darum, sie in ihrer ganzen Tragik zu begreifen und daraus Lehren zu ziehen.“
Proteste als Zeichen der Demokratie
„Die Demonstrationen, die wir in Demmin erleben, sind Ausdruck einer lebendigen demokratischen Kultur“, betonte Witkowski. „Sie machen sichtbar, wo unsere Gesellschaft steht, sie setzen klare Zeichen gegen Rechtsextremismus und für ein offenes Miteinander. Sie sind laut, sie sind sichtbar, sie sind wichtig.“ Aber ebenso wichtig sei die Auseinandersetzung mit der Geschichte: „Wir müssen verstehen, wie Propaganda, Angst und Ideologie gewirkt haben – und welche Verantwortung daraus erwächst.“
Demmin habe sich auf den Weg gemacht, erklärte der Bürgermeister. „Unsere Stadt stellt sich ihrer Geschichte. Sie widerspricht denen, die sie verdrehen wollen. Und sie zeigt, dass Erinnerung und Zukunft untrennbar miteinander verbunden sind.“ Witkowski mahnte an, den 8. Mai nicht nur als Tag des Gedenkens zu verstehen, sondern auch als Auftrag für Frieden, für Demokratie und für Menschlichkeit.



