Bützows Bahnhofsbesitzer: Wie AfD-Fahnen einen Unternehmer und eine Stadt spalteten
Im Spätsommer 2025 wehten auf dem Dach des historischen Bahnhofsgebäudes in Bützow blaue AfD-Fahnen. Was als politisches Sommerfest begann, entwickelte sich zu einem bundesweit beachteten Ereignis, das das Leben des Bahnhofsbesitzers Poppe Gerken grundlegend veränderte und die mecklenburgische Kleinstadt tief spaltete.
„Bützow ist erobert“: Virale Aktion mit Folgen
„Unser Land – unsere Regeln“ prangte auf einem Banner am Bahnhofsgebäude, als die AfD Ende August 2025 dort ihr Sommerfest feierte. Das Konterfei der Parteivorsitzenden Alice Weidel hing am obersten Geschoss, darüber wehten die umstrittenen Fahnen. Die Aktion ging in sozialen Medien viral, nachdem AfD-Landtagsabgeordneter Martin Schmidt aus Schwerin bei TikTok verkündete: „Bützow ist erobert“ – und sich auf dem Bahnhofsdach fotografieren ließ.
Wochenlang war Bützow bundesweit in den Schlagzeilen. Fahrgäste an den benachbarten Gleisen zeigten sich irritiert, Demos fanden vor der Tür statt. Gerüchte kursierten, die in Teilen rechtsextreme Partei wolle den Bahnhof als Zentrale ausbauen. Eine Stadt war gespalten.
Der Mann in der Mitte: Poppe Gerken
Mittendrin stand Bahnhofsinhaber Poppe Gerken, ein 66-jähriger Landwirt, der 1991 voller Träume aus Ostfriesland nach Bützow gekommen war. Jahrzehntelang galt er als beliebter Unternehmer, der eine Landwirtschaft aufbaute, Kinder großzog, gesellschaftlich aktiv war und mit seinem gewinnenden Lächeln meist gute Laune verbreitete.
Heute ist dieses Lächeln verschwunden. Bei einem Ortstermin im März 2026 sitzt Gerken im prachtvollen Festsaal des Bahnhofs, einem Gebäude aus dem Jahr 1850. Überall stehen Sofas, Spuren einer Feier sind sichtbar: leere Flaschen und Gläser. An einem Fenster hängen zwei große Deutschlandfahnen.
„Ich bin doch kein Nazi“: Gerkens Positionierung
„Ich bin Patriot und Pazifist“, erklärt der 66-Jährige. Vor gut zwei Jahren habe er Kontakt zur AfD bekommen – ausgelöst durch seine Position zum Ukraine-Krieg. Für ihn sei dies kein Angriffskrieg Russlands, vielmehr sei das Land „der russischstämmigen Bevölkerung im Donbas zu Hilfe gekommen“. Diese Positionen habe damals auch die AfD vertreten.
Doch Gerken betont: „Ich bin doch kein Nazi.“ Er sei nie Parteimitglied gewesen, reise gern die Welt, liebe andere Kulturen und biete aktuell Kurden Unterkunft. Die pauschale Zuordnung als „Nazi“ verletze ihn tief.
Die Fahnenaktion: Rebellion, Pech und Überrumpelung
Aus Gerkens Schilderungen ergibt sich ein Bild der Fahnenaktion als Mischung aus eigenem Rebellentum, Pech und Überrumpelung. Die AfD habe nach dem Bahnhof als Veranstaltungsort angefragt, er habe wie immer zugestimmt. „Das war nicht abgesprochen“, sagt er heute über die Fahnen auf dem Dach. Während er unten im Bahnhof war, seien oben die blauen Fahnen aufgezogen worden. „Ich habe ihnen gesagt: Ihr hättet mich doch vorher fragen müssen.“
AfD-Mann Schmidt widerspricht dieser Darstellung: „Ich selbst habe nie Flaggen an dem Bahnhofsgebäude befestigt, finanziert oder organisiert. Ich war nur als Gast da.“ Gerken reagiert sauer auf diese Aussage: Schmidt sei als Strippenzieher auf dem Dach gewesen.
Die Folgen: Ausgrenzung und wirtschaftliche Einbußen
Was nach den Fahnen kam, verwandelte den einst beliebten Unternehmer in einen Ausgegrenzten. Der Bürgermeister – „mein Freund Christian“ – habe sich abgewandt, ebenso Kunden, Politik und Stadtgesellschaft. „Auf einen Schlag habe ich keine Schlachgäste mehr in meinen Arbeiter-Quartieren gehabt. Null.“
Die Berufsschule in Güstrow, bei der er jahrzehntelang Prüfungen abgenommen hatte, sagte ab. Eine Bank kündigte sein Konto, das Steuerbüro winkte ab. „Wirtschaftlich totmachen – das stand auf der Agenda“, resümiert Gerken enttäuscht.
Bützows Bürgermeister: Negative Außenwahrnehmung
Bützows Bürgermeister Christian Grüschow (parteilos) will sich zu persönlichen Fragen gegenüber Gerken nicht öffentlich äußern, betont aber: Bützow sei keine AfD-Hochburg. Kommunalpolitisch liege diese Partei bei 20 Prozent. Die Fahnenaktion habe der Stadt jedoch „die negativste Außenwahrnehmung seit einem Jahrzehnt“ gebracht. Sein Vergleich: „Zuletzt war dies so beim Tornado in Bützow 2015.“
Distanzierung und Nachspiel
Enttäuscht und wütend zeigt sich Gerken mittlerweile auf die MV-AfD, von der er sich losgesagt habe. Landessprecher Leif-Erik Holm hänge inhaltlich „stets sein Fähnchen in den Wind“. Die AfD sei nur scharf aufs Regieren und werde „den etablierten Parteien immer ähnlicher“.
Die Fahnenaktion hat bis heute ein Nachspiel: Gerken sieht sich mit dem Vorwurf eines Verstoßes gegen Denkmalschutz konfrontiert und soll viel Geld zahlen. Als er AfD-Mann Schmidt davon erzählen wollte, gab es keine Reaktion.
Bahnhof zum Verkauf und Zukunftsträume
Der Bützower Bahnhof steht nun zum Verkauf – 650.000 Euro für 1600 Quadratmeter Nutzfläche plus 3000 Quadratmeter Grundstück. Gerade habe er ein Drittel an zwei Kiosk-Betreiber verkauft. Für den Festsaal hegt er einen anderen Traum: ein chinesisches Restaurant, das fast vor Jahren realisiert worden wäre. „Dann kam der Corona-Blödsinn.“
„Ich will aufhören“, sagt Gerken. Auch Wohnhaus und Freizeitpark in Zepelin stehen zum Verkauf, seinen Landwirtschaftsbetrieb hat er schon vor gut zehn Jahren veräußert.
Bleiben trotz allem
Trotz aller Schwierigkeiten will Gerken nicht wegziehen. Er möchte weiter reisen – mit seinen mittlerweile acht Enkeln. „Ich habe die Pflicht, ihnen ein ähnlich schönes Leben zu ermöglichen – in Frieden und Freiheit.“
Auf dem Bützower Bahnhof weht jetzt eine Deutschlandfahne. Die AfD ist seit Monaten verschwunden. Poppe Gerken blickt hoch und sagt: „Gott sei Dank habe ich ein dickes Fell. Es gibt Leute, die zu mir halten.“



