Er füllt bis heute die Säle: Egon Krenz, mittlerweile 89 Jahre alt und in Dierhagen an der Ostsee zu Hause, war jahrzehntelang SED-Spitzenfunktionär und der letzte SED-Generalsekretär, der zeitgleich Staatsratsvorsitzender der DDR war. Auch beim 35. Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern dürften viele seiner Anhänger ins Festivalkino „Capitol“ pilgern. Am 8. Mai um 18 Uhr feiert dort Lutz Pehnerts Dokumentarfilm „Kommunist“ seine Uraufführung, in dessen Mittelpunkt Krenz' Auf- und Abstieg steht. Zu den angekündigten Gästen gehören neben dem Regisseur auch der Porträtierte selbst sowie weitere Protagonisten.
„Kronprinz“ oder „einer von uns“?
Im anschließenden Filmgespräch dürfte es hoch hergehen. Denn der einstige „Kronprinz“ Erich Honeckers polarisiert noch immer. Viele Menschen aus der ehemaligen DDR lehnen ihn ab, weil Egon Krenz über Jahrzehnte für ein System stand, das sie einengte, weil er selbst da noch versuchte, dieses System zu retten, als es bereits auseinanderfiel. Doch es gibt auch andere Sichtweisen. Am Ende einer Kur in Waren an der Müritz hätten ihn die Mitarbeiter um ein gemeinsames Foto gebeten, erzählt Egon Krenz im Film. „Ich fragte sie nach dem Grund dafür. Eine Mitarbeiterin erklärte mir: Herr Krenz, wir sind doch mit Ihnen aufgewachsen. Als wir junge Pioniere waren, waren Sie unser Vorsitzender. Als wir in der FDJ waren, waren Sie unser Erster Sekretär. Und als wir erwachsen waren, waren Sie in der Regierung und ein paar Wochen sogar unser Staatsratsvorsitzender.“ Die Szene leitet über zu einer Diskussionsveranstaltung in Freiburg. Dort hatte sich im Vorfeld Widerstand gegen den Auftritt des einstigen DDR-Spitzenpolitikers formiert. Der Moderator der im Film dokumentierten Veranstaltung verliest deshalb auch zuerst eine Stellungnahme der Stadt: „Uns ist bewusst, dass die Person Egon Krenz von vielen mit Unbehagen und auch Ablehnung wahrgenommen wird. Aber das DDR-Regime ist Teil der deutschen Geschichte, und wir halten es für legitim, dieses Thema in einer politischen Diskussionsreihe aufzugreifen und nicht zu verdrängen.“
Auch Zeitzeugen kommen zu Wort
Einen Ansatz, den auch Lutz Pehnert in seiner gut zweistündigen Dokumentation verfolgt. Die Kamera folgt Egon Krenz zu Terminen, auf denen er – auch heute noch – bejubelt wird. Und sie ist dabei, wenn er sich kritischen Fragen stellen muss, auch, wenn er offen angefeindet wird. Parallel dazu kommen Menschen zu Wort, die wie Egon Krenz von der Idee einer sozialistischen Deutschen Demokratischen Republik überzeugt waren: Solveig Leo zum Beispiel, einstige LPG-Vorsitzende und Bürgermeisterin von Banzkow bei Schwerin. Der Pfarrer und Bürgerrechtler Werner Krätschell und der Niederländer Ruudt van Malten erzählen von persönlichen Erlebnissen mit Egon Krenz.
Berufsrevolutionär auf Wunsch der Partei
Ansonsten nimmt Privates vergleichsweise wenig Raum ein. Krenz wuchs ohne Vater auf, wurde katholisch getauft und evangelisch konfirmiert. Trotzdem engagierte er sich früh in der Pionierorganisation, stieg auf bis zum Freundschaftsratsvorsitzenden. Mit 14 Jahren las er das Kommunistische Manifest, mit 16 entschied er sich, Kandidat der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands zu werden. „Die Republik brauchte Lehrer und die Partei wollte, dass ich Lehrer werde“, formuliert Krenz selbst, wie es weiterging. „Nach dem Studium bekam ich allerdings einen neuen Auftrag: Ich sollte Funktionär der FDJ werden, ein Berufsrevolutionär.“ Und als solchen gibt er sich bis heute. Er könne gut bewerten, was es Gute und Neues gebe in der Bundesrepublik, aber es mache ihn traurig, dass man 40 Jahre DDR so völlig niedermacht, heißt es an einer Stelle im Film. Auch von den 22 Ermittlungsverfahren ist die Rede, mit denen ihn die Bundesrepublik 1990 „empfangen“ hat. Am 25. August 1997 wurde Egon Krenz wegen vierfachen Totschlags zu sechseinhalb Jahren Haftstrafe verurteilt – wegen seiner Mitverantwortung für das Grenzregime und die Todesschüsse an der Berliner Mauer. Krenz dazu: „Ich kann dieses Urteil nicht akzeptieren, ich bin kein Totschläger.“
„Kommunist“ ist einer von acht Beiträgen im Dokumentarfilmwettbewerb des Filmkunstfestes. Er wird am 8. Mai um 18 Uhr uraufgeführt und ist am 10. Mai um 14 Uhr ein weiteres Mal zu sehen.



