81 Jahre nach der Befreiung des KZ-Außenlagers in Malchow haben Einwohner und Gäste der mehr als 1000 Frauen gedacht, die in ihrer Stadt Opfer der Nazis wurden. Rund 50 Menschen waren am 2. Mai zu dem Ort an der Lagerstraße gekommen, an dem im Zweiten Weltkrieg Zwangsarbeiterinnen ums Überleben kämpften.
Fotos und Lebensdaten einiger Opfer standen auf der Wiese am Stadtrand, stellvertretend für all die anderen. Blumen wurden niedergelegt und Namen ausgesprochen. Im Mittelpunkt standen die Skulptur einer ausgezehrten Frau in Holzschuhen und vor allem Ingelore Prochnow, die 1944 im Konzentrationslager Ravensbrück geboren wurde und vor 81 Jahren zum ersten Mal in Malchow war. Damals war sie ein einjähriges Baby.
Die Geschichte von Ingelore Prochnow
„Meine Mutter war im fünften Monat schwanger, als sie auf einem Bauernhof verhaftet und nach Ravensbrück deportiert wurde. Der Haftgrund war Verkehr mit Polen. Mein Vater war ein polnischer Zwangsarbeiter, der am selben Tag verhaftet und nach Sachsenhausen gebracht wurde.“ Sie frage sich bis heute, wie sie als Säugling im Konzentrationslager überleben konnte. Ihre leibliche Mutter habe ihr nicht viele Fragen beantworten können. Von anderen Frauen wisse sie aber, dass sie „viele Mütter“ hatte, sogenannte Lagermütter.
Nur wenn sich mehrere Frauen um ein Baby kümmerten, hätte dieses eine Überlebenschance gehabt. „Fremde Frauen stillten Kinder. Aus Stofffetzen wurden Windeln gemacht und mit der eigenen Körperwärme getrocknet. Mit der Brühe, die die Frauen morgens zu trinken bekamen, wuschen sie die Babys. Sie sparten sich trockenes Brot vom Mund ab, zerkauten es zu Brei und fütterten damit die Kinder. Ich hatte Liebe und Zuwendung vieler Mütter, sonst hätte ich nicht überlebt“, berichtete Ingelore Prochnow. Bewusst erinnere sie sich an keine ihrer Lebensretterinnen, schließe aber alle in ihre Gedanken ein.
Mahnung gegen Rechtspopulismus
Mit Gedenken allein sei es allerdings nicht getan. „Es ist unser Auftrag, unsere Verpflichtung, uns gegen rechtspopulistische Strömungen zu äußern“, sagte sie. Obwohl sich nach dem Krieg alle geschworen hätten, so etwas dürfe sich nie wiederholen, seien Rassismus und Intoleranz nicht aus den Köpfen gewichen, sondern wieder „auf dem Vormarsch“. Darum spreche sie heute öffentlich über ihr Schicksal und das ihrer Mutter, obwohl ihr Auftritte vor vielen Menschen unangenehm seien. Jeder müsse begreifen, was für traumatische Auswirkungen Kriege haben. Die verletzte Seele ihrer Mutter habe Folgen für sie selbst und sogar ihre eigenen Kinder.
Bürgermeister bezieht Stellung zu Kriegen
Bürgermeister René Putzar (parteilos) fand ebenfalls deutliche Worte über das dunkle Kapitel der Malchower Stadtgeschichte. „Was Politiker erneut weltweit im zurückliegenden Jahr veranlasst, genehmigt oder geduldet haben, macht mir mehr Sorge um Frieden und Freiheit, denn je. Deutschland stellt auf Kriegswirtschaft um, lässt sich damit doch vortrefflich Geld verdienen. Man überlegt laut, ob VW Panzer bauen soll, Lastkräne werden in Bremen nicht mehr hellgrün, sondern in Tarnfarbe lackiert. Die Überseehäfen sollen militärisch ertüchtigt werden. Tag und Nacht donnern Kampfflugzeuge über unseren Köpfen. Es soll wieder eine Wehrpflicht eingeführt werden, um gerüstet zu sein“, fasste der Bürgermeister seine Einschätzung der Lage zusammen. Als Familienvater halte er es für seine Pflicht, darauf hinzuweisen, „dass Meinungsmache oft nichts mit Wahrheit zu tun hat, aber unser Denken beeinflusst, Feindbilder definiert und am Ende bisher meist zu nichts Gutem geführt hat - zu oft zu Not, Elend, Vertreibung, Hunger, Tod“.
Das Lager in Malchow sei gebaut worden, „weil damals in Deutschland die Meinung herrschte, dass Krieg gut sei und andere Menschen nicht die gleichen Rechte hätten wie wir“, so Putzar. „Es wurde gebaut, weil Menschen in Machtpositionen diese derart missbrauchten, dass sie für Profit und noch mehr Macht die ganze Welt in Verwüstung stürzten.“
Das Martyrium der Frauen
Der Bürgermeister beschrieb die Umstände, unter denen die Frauen damals am Leben zu bleiben versuchten. „Neben der körperlich schweren und giftigen Arbeit in der Munitionsfabrik fand an diesem Ort, hier, wo wir heute stehen, das Martyrium durch das Lagerpersonal statt. Verhungert, verlaust, verfroren, gedemütigt, geschunden, geschlagen, misshandelt und hoffnungslos warteten viele Frauen in den gnadenlos überfüllten Baracken nur noch auf den Tod.“
Das Leid habe erst ein Ende gefunden, als die Sowjetarmee am 2. Mai 1945 überlebende KZ-Häftlinge befreite, auch die in Malchow. „Es hat wohl niemand geglaubt, dass Erinnerung und Mahnung jemals wieder so nötig sein würden“, sagt der Bürgermeister.
Ein Erinnerungsort für die Zukunft
Schritt für Schritt solle die Wiese an der Lagerstraße ein Erinnerungsort werden, „der insbesondere junge Menschen ansprechen und mahnen soll, immer einen friedlichen Weg zu suchen, um Konflikte zu lösen“. Ebenfalls an der Gedenkstunde beteiligt waren das Malchower Kinder- und Jugendparlament, Schüler der Fleesenseeschule und die Regionale Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie MV.



