Mecklenburg-Vorpommern reagiert auf die zunehmende Gewalt gegen Polizeikräfte mit einer flächendeckenden Ausstattung von Bodycams. Nach einem Pilotversuch und einer öffentlichen Ausschreibung fiel die Wahl auf das Modell VB 400 der Firma Motorola. Das Innenministerium hat insgesamt 147 dieser Kameras samt Zubehör und Software für neun Polizeireviere beschafft.
Hintergrund: Ermittlungen nach Gewaltvorwurf
Die Maßnahme erfolgt vor dem Hintergrund eines aktuellen Falls: Die Staatsanwaltschaft Neubrandenburg ermittelt gegen einen Polizisten, nachdem ein Video zeigt, wie dieser im November 2025 in Neustrelitz einem Mann ins Gesicht schlug. Solche Vorwürfe wiegen schwer, da sie das staatliche Gewaltmonopol betreffen. Deshalb führt in Mecklenburg-Vorpommern das Dezernat Interne Ermittlungen die Untersuchungen unabhängig durch.
Technische Details der Bodycam VB 400
Das ausgewählte Modell VB 400 ist robust, wiegt nur 160 Gramm und erfüllt laut Innenministerium alle polizeilichen Anforderungen. Es ist intuitiv bedienbar, zeichnet mit einem Weitwinkelobjektiv in HD-Qualität auf und verfügt über eine lange Akkulaufzeit. Die Kameras werden nicht persönlich zugewiesen, sondern stehen als Poollösung in den Dienststellen zur Verfügung. Jedes Streifenteam im Dienst erhält eine Bodycam.
Pre-Recording und Datenschutz
Der Einsatz ist im Sicherheits- und Ordnungsgesetz des Landes geregelt. Aufnahmen dürfen zur Gefahrenabwehr und zum Schutz von Beamten oder Dritten angefertigt werden, jedoch nicht bei Versammlungen. Die Pre-Recording-Funktion speichert die letzten 60 Sekunden vor der Aufzeichnung, um den Anlass des polizeilichen Handelns zu dokumentieren. Die Daten unterliegen strengen Datenschutzvorgaben: Sie verbleiben 14 Tage auf der Dienststelle und werden dann automatisch gelöscht, was in der Software dokumentiert wird.
Anstieg der Gewalt gegen Polizei
Laut polizeilicher Kriminalstatistik 2024 gab es in Mecklenburg-Vorpommern 1103 Widerstands- oder Tätlichkeitsangriffe auf Einsatzkräfte, davon 96,2 Prozent gegen Polizisten – ein Anstieg um 8,8 Prozent gegenüber 2023. Bundesweit stagnierten die Zahlen dagegen nahezu (+0,3 Prozent). Die Gewerkschaft der Polizei MV kritisiert die Entwicklung scharf: Während die Fallzahlen in MV um 11,6 Prozent auf 1174 Fälle stiegen, liege die Aufklärungsquote unter dem Bundesdurchschnitt.
Alarmierende Häufigkeitszahl
Die Häufigkeitszahl beträgt 74,4 Gewalttaten pro 100.000 Einwohner – deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 55,6. Damit reiht sich das Flächenland neben Berlin, Hamburg und Bremen ein. Christian Schumacher, Landesvorsitzender der Gewerkschaft, spricht von einem handfesten Alarmsignal: „Wenn Gewalt gegen die Polizei hier zweistellig wächst, während sie bundesweit stagniert, dann läuft im Land etwas grundlegend schief.“
Forderungen der Gewerkschaft
Die Gewerkschaft fordert mehr Personal, bessere Ausstattung und klare politische Konsequenzen. Schumacher betont: „Wer Respekt vor dem Rechtsstaat will, muss zuerst die schützen, die ihn durchsetzen.“ Bei Gewaltdelikten wie Widerstand und tätlichen Angriffen auf Vollstreckungsbeamte gab es 2025 einen Anstieg um 16 Prozent auf 183 Fälle.
Staatliche Präsenz im ländlichen Raum
Constance von Buchwaldt, Bürgermeisterin der Gemeinde Feldberger Seenlandschaft, kritisiert, dass Reformen der letzten Jahrzehnte den Staat aus der Fläche genommen hätten. „Polizei, Feuerwehr, Verwaltung – wer hat schon gerne mit diesen Institutionen zu tun? Nur wenn sie nicht mehr da sind, haben wir alle große Probleme.“ Sie appelliert an das Innenministerium, die Vorhaltekosten nicht zu scheuen, denn vor Ort entscheide sich, ob Politik nah am Bürger bleibe.



