Ein beispielloser Prozess erschüttert El Salvador: 486 mutmaßliche Mitglieder der berüchtigten Gang Mara Salvatrucha (MS-13) müssen sich gleichzeitig vor Gericht verantworten. Die Anklage umfasst insgesamt 47.000 Straftaten, darunter 29.000 Tötungsdelikte. Der Staatsanwaltschaft zufolge drohen den Angeklagten im schlimmsten Fall bis zu 245 Jahre Haft.
Prozess per Video aus dem Hochsicherheitsgefängnis
Die Angeklagten verfolgen das Verfahren nicht im Gerichtssaal, sondern per Video aus dem Hochsicherheitsgefängnis von Tecoluca. Unter ihnen befinden sich Anführer und Gründungsmitglieder der Bande. Generalstaatsanwalt Rodolfo Delgado spricht von „reichlich Beweisen“ und erklärt, die Bande habe jahrelang systematisch Angst und Leid über das Land gebracht.
Bukeles kompromissloser Kurs gegen Banden
Der Mammut-Prozess ist Teil der Sicherheitsstrategie von Präsident Nayib Bukele. El Salvador galt lange als eines der gefährlichsten Länder der Welt. Im Jahr 2015 lag die Mordrate bei 103 pro 100.000 Einwohner. Seit seinem Amtsantritt 2019 geht Bukele massiv gegen die Banden vor. Nach einer tödlichen Gewaltwelle im März 2022, bei der an nur einem Wochenende 87 Menschen getötet wurden, rief er den „Krieg gegen die Banden“ aus. Der Ausnahmezustand gilt seitdem ununterbrochen und wurde zuletzt Ende März zum 49. Mal verlängert. Sicherheitskräfte dürfen seitdem ohne Haftbefehl festnehmen.
Folgen der Sicherheitspolitik
Mehr als 90.000 Menschen wurden festgenommen. Menschenrechtler berichten, dass über 450 Gefangene in Haft gestorben sind. Nach Regierungsangaben sind die Gangs MS-13 und Barrio 18 für den Tod von rund 200.000 Menschen in den vergangenen 30 Jahren verantwortlich. Zeitweise kontrollierten sie bis zu 80 Prozent des Landes. 413 der Angeklagten sitzen im berüchtigten „Terrorismus-Gefängnis“, einem Symbol für Bukeles harte Linie. Weitere 73 Beschuldigte werden in Abwesenheit angeklagt.
Ähnlicher Prozess im März 2025
Ein ähnlicher Prozess endete bereits im März 2025: 52 Mitglieder der Gang Barrio 18 wurden verurteilt – mit Strafen von bis zu 245 Jahren Haft. Die Staatsanwaltschaft fordert auch im aktuellen Verfahren die maximale Härte für jedes einzelne Verbrechen.
Scharfe Kritik von Menschenrechtlern
Der Mega-Prozess sorgt international für Kritik. Experten warnen, dass solche Massenprozesse das Risiko erhöhen, dass Unschuldige verurteilt werden. Amnesty International kritisiert, dass Menschen teils allein wegen Tätowierungen, Vorstrafen oder ihres Wohnorts verhaftet werden – ohne nachweisliche Verbindung zu Banden. Zudem würden ihnen grundlegende Rechte verweigert: Verteidigung, Kontakt zur Familie, medizinische Versorgung und angemessene Lebensbedingungen.
Ein Prozess mit enormer Sprengkraft
Während die Regierung von einem historischen Schlag gegen das organisierte Verbrechen spricht, warnen Kritiker vor einem gefährlichen Präzedenzfall. Fest steht: Dieser Mega-Prozess wird nicht nur über das Schicksal von 486 Angeklagten entscheiden – sondern auch über den Kurs eines ganzen Landes im Kampf gegen die Gewalt.



