Iranerinnen in Schwerin nach sechs Kriegswochen: Zwischen Hoffnung und Verzweiflung
Am Küchentisch in Schwerin liegt das Smartphone zwischen ihnen. Die 17-jährige Maya blickt immer wieder auf das Display. Kein Ton, kein Vibrieren. Nichts. "Manchmal warten wir Stunden, manchmal Tage", sagt sie leise. "Und wissen nicht, wie es der Familie und den Freunden geht."
Sechs Wochen zwischen Schwerin und Teheran
Sechs Wochen sind vergangen, seit die USA und Israel den Iran angegriffen haben. Für drei Iranerinnen in Schwerin hat sich in dieser Zeit vieles verändert – und doch ist eines gleich geblieben: das Gefühl, gleichzeitig hier zu sein und doch ständig dort. Mary, ihre Tochter Maya und die Architektin Shim P. sprechen über Angst, widersprüchliche Hoffnung und das Gefühl, nichts beeinflussen zu können.
"Es ist schlimmer geworden", sagt Mary, die Mutter von Maya. "Am Anfang hatten wir die Hoffnung, dass es gelingt, das Regime schnell zu stürzen und dann damit zu beginnen, einen demokratischen Iran aufzubauen." Der Alltag in Schwerin läuft weiter – Schule, Arbeit, Einkaufen, Gespräche. Doch alles ist überlagert von dem, was im Iran passiert.
Alltag in ständiger Alarmbereitschaft
Abends sitzen Mary, ihr Mann und Maya oft zusammen. Sie reden, warten, hoffen. Draußen ist es ruhig, manchmal hört man nur ein Auto vorbeifahren. Drinnen geht der Blick immer wieder auf das Display. "Man lebt ständig in Alarmbereitschaft", sagt Maya. "Auch wenn es hier ruhig ist."
Nachrichten erreichen sie nur noch bruchstückhaft. Seit dem 8. Januar 2026 ist das Internet im Iran weitgehend blockiert. Gelegentlich gelingt ein Anruf, mal klappt es mit einer SMS. Wenn etwas durchkommt, dann sind es kurze Sätze, Sprachnachrichten, manchmal nur ein einzelnes Wort. "Wir sind okay." Mehr oft nicht.
Ein Leben zwischen zwei Welten
Auch Shim P. kennt dieses Gefühl gut. Die 25-jährige Architektin hat in Wismar studiert und arbeitet heute in der Stadt an der Ostsee. Ihre Eltern hatten früh entschieden, dass ihre Tochter eine Zukunft außerhalb des Iran haben soll. "Ich wusste immer, dass ich gehen werde", sagt sie. Heute lebt sie in Sicherheit – und verfolgt gleichzeitig jeden Tag, was in ihrem Herkunftsland passiert.
"Ich hätte nicht gedacht, dass das Regime so lange durchhält", sagt Shim P. "Wir dachten, nach zwei Wochen wäre es vorbei." Stattdessen zeigt sich ein System, das vorbereitet ist. Von unterirdischen "Raketenstädten" ist die Rede, von Waffenarsenalen, die über Jahre aufgebaut wurden.
Die bittere Erkenntnis
Die drei Frauen kommen zu einer bitteren Erkenntnis: Ein Wandel scheint ohne äußeren Druck kaum möglich – und genau dieser Druck bringt neues Leid. "Es ist schwer zu sagen, was man fühlt", sagt Shim P. "Man sieht zerstörte Häuser, tote Menschen – und ist traurig. Und gleichzeitig denkt man: Vielleicht ist das die einzige Chance, dass sich etwas ändert."
Diese Ambivalenz zieht sich durch alle Gespräche. Viele Menschen im Iran, berichten Mary und Maya, hätten die Hoffnung auf Veränderung mit Beginn der Angriffe wiedergefunden. "Ohne das wäre alles geblieben wie vorher", sagt Maya. "Nur ohne Hoffnung."
Die Sorge um die Zivilbevölkerung
Besonders groß ist die Sorge, dass die Angriffe die Falschen treffen. Wenn Universitäten getroffen werden, wenn Strom oder Wasser ausfallen, weil die zivile Infrastruktur angegriffen und zerstört wird, trifft das nicht das Regime – sondern die einfachen Leute. "Dann kann alles kippen", sagt Maya sorgenvoll.
Denn schon jetzt ist die Gesellschaft gespalten. Es gibt diejenigen, die das Regime unterstützen – aus Überzeugung oder aus Angst oder weil sie davon profitieren. Andere sind so verzweifelt, dass sie sagen: Es ist egal, was passiert – Hauptsache, es ändert sich etwas.
Der Krieg verläuft durch Familien
Der Krieg verläuft nicht nur durch Städte, sondern auch durch Familien. Beim Neujahrsfest, dem Nouruz, am 20. März sitzen Gegner und Unterstützer des Regimes am selben Tisch. Es wird gegessen, geredet, gelacht – und vieles bleibt unausgesprochen. "Man sagt dann lieber nichts", sagt Shim P. "Sonst zerbricht alles."
"Zwischen uns liegt ein Meer aus Blut", sagt Maya über die unterschiedlichen Erfahrungen, die zu unterschiedlichen Haltungen führen. Wer wirtschaftlich weniger betroffen war, fürchtet vor allem den Krieg. Wer Gewalt erlebt hat, wünscht sich Veränderung – um jeden Preis.
Isolation in Deutschland
Die Isolation wächst. Im Iran durch abgeschaltetes Internet, fehlende Informationen, Unsicherheit. Und auch in Deutschland fühlen sich viele allein mit ihren Gedanken. "Wir sind nicht schuld", sagt Mary. "Aber wir müssen uns ständig erklären und es gibt hier Leute, die machen mich verantwortlich für die steigenden Benzinpreise. Das ist doch absurd."
Was oft fehlt, sagen die Frauen, ist das Verständnis für die Komplexität der Situation. "Es gibt keine einfache Antwort", sagt eine von ihnen. "Zu sagen, der Krieg ist richtig – oder er muss sofort aufhören – das wird dem nicht gerecht."
Die größte Befürchtung
"Das Schlimmste, was passieren kann, ist für mich, dass der Krieg jetzt einfach endet und das Regime an der Macht bleibt", fürchtet Mary. "Die Zerstörung bleibt, die Menschen leiden. Das Regime bleibt und die Unterdrückung und das Töten gehen weiter."
Auch Wochen nach Beginn des Krieges ist nichts einfacher geworden. Die Hoffnung ist noch da. Aber sie ist vorsichtiger geworden, leiser. Vielleicht realistischer. "Ich hoffe nur, dass es einen Plan gibt", sagt Shim P.
Maya schaut wieder auf ihr Handy. Ein kurzes Aufleuchten. Aber keine Nachricht aus dem Iran. Sie legt das Telefon wieder auf den Tisch.



