Militärhistoriker Neitzel: Europa ist sicherheitspolitisch ein Zwerg
Neitzel: Europa sicherheitspolitisch ein Zwerg

Königsbronn – Die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee Europas zu machen, hat Bundeskanzler Friedrich Merz als Ziel ausgegeben. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg, sagt der Militärhistoriker Sönke Neitzel. Im Interview mit unserer Zeitung spricht er über die Militärstrategie, die Wehrpflicht und die Rolle Europas.

Militärstrategie: Ein erster Schritt

Frage: Herr Neitzel, Deutschland hat erstmals eine Militärstrategie. Beruhigt Sie das?
Neitzel: Nein, die Militärstrategie allein kann das nicht leisten. Das wirklich Interessante steht im geheimen Teil. Es ist ein Papier, das die Welt nicht verändert, aber es gibt eine Richtung vor. Es ist gut, dass Russland klar als Feind benannt wird und die Herausforderungen der Zukunft thematisiert werden. Die entscheidende Frage ist, wie die Bundeswehr sich konkret vorbereitet – etwa bei der Drohnenabwehr oder der vernetzten Kriegsführung.

Zeitrahmen für die Verteidigungsfähigkeit

Frage: Deutschland soll wieder kriegstüchtig werden. Über welche Zeiträume reden wir?
Neitzel: Die Militärstrategie nennt die Jahre 2029, 2035 und 2039 plus. Aber ob die 10. Panzerdivision bis 2029 kriegstüchtig ist, steht im geheimen Teil. Es ist wenig zielführend, darüber zu rätseln.

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Anspruch auf stärkste Armee

Frage: Merz will die stärkste konventionelle Armee Europas. Zucken Sie da zusammen?
Neitzel: Nein, Deutschland ist der größte und finanzstärkste Staat in Europa. Das muss unser Anspruch sein, natürlich gemeinsam mit den Partnern. Merz wird sich daran messen lassen müssen.

Frage: Wie reagieren Polen und Frankreich?
Neitzel: In Polen wird zur Kenntnis genommen, dass es erst einmal Versprechungen sind. In Frankreich gibt es Befürchtungen, als Führungsmacht abgehängt zu werden. Die Balten erwarten mehr Führung von den Deutschen. Es erfordert Diplomatie, die unterschiedlichen Pole auszutarieren.

Personalaufwuchs: Zu langsam

Frage: Verteidigungsminister Pistorius will 260.000 aktive Soldaten und 200.000 Reservisten. Ist die Bundeswehr auf dem Weg?
Neitzel: In einer homöopathischen Dosis. Die Zahl der Soldaten ist von 182.000 auf 185.000 gestiegen. Wenn wir so weitermachen, sind wir vielleicht 2050 so weit. Das reicht nicht. Zudem gehen die neuen Freiwilligen eher in den Heimatschutz als in die Kampfverbände. Wir brauchen die Wehrpflicht.

Wehrpflicht: Ein notwendiges Instrument

Frage: Wie kommt Ihre Forderung nach Wehrpflicht bei Studenten an?
Neitzel: Es gibt viele Stimmen von Befürwortern bis zu denen, die sagen: Nicht ich. Aber vor 40 Jahren war die Stimmung ähnlich. Die Hälfte meines Jahrgangs ging zur Bundeswehr, notgedrungen wegen des Zwangs. Wenn die Freiwilligenzahlen nicht reichen, braucht es eine Pflicht. Das ist zumutbar.

Frage: Wie ließe sich die Bindung an die Bundeswehr verbessern?
Neitzel: Die Wehrpflicht sollte auf zwölf oder 15 Monate verlängert werden. Derzeit sind es meist sechs Monate, das reicht nicht. Ich plädiere für eine Auswahlwehrpflicht für einen Teil des Jahrgangs. Dann kann man die Leute so ausbilden, dass es wirkt. Etwa 20 Prozent würden sich vielleicht länger verpflichten.

Künstliche Intelligenz und Personalbedarf

Frage: Wird KI die Bundeswehr verändern?
Neitzel: KI kann keine Soldaten ersetzen. Der Bedarf bleibt bei mindestens 260.000 Soldaten, intern wird sogar von 300.000 ausgegangen. Die Vorstellung, nur ein paar Drohnenpiloten reichten, ist Quatsch. Wir müssen Altes und Neues gemeinsam denken. Die kleine Bundesrepublik hatte früher 500.000 Mann – die große sollte 260.000 bis 300.000 schaffen.

Zeitenwende: Vier Jahre später

Frage: Wurden die vier Jahre seit der Zeitenwende sinnvoll genutzt?
Neitzel: Deutschland hat viel Sinnvolles auf den Weg gebracht. Die 100 Milliarden Euro wurden nicht verschwendet, sondern Investitionsrückstände aufgelöst. Es wurden F-35, Arrow3 und Transporthubschrauber beschafft. Aber der Referenzpunkt muss die Fähigkeit sein, Land und Bündnis zu verteidigen, nicht der Vorabend des Ukraine-Kriegs. Da müssen wir noch eine Menge mehr machen.

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Größte Baustellen

Frage: Wo sind die größten Baustellen?
Neitzel: Der Digitalfunk erschwert die Führung von Einsatzkräften. Bei der Drohnenabwehr hat kein Staat eine Antwort – weder Israel noch die USA oder Russland. Wir schon gar nicht. Das ist technisch nicht gelöst, obwohl wir seit vier Jahren Krieg in Europa haben.

Europas sicherheitspolitische Schwäche

Frage: Haben andere europäische Länder ähnliche Rückstände?
Neitzel: Europa hat sich nach dem Kalten Krieg nicht als eigenständiger sicherheitspolitischer Akteur profiliert. Die Verantwortung wurde an die USA ausgelagert, Geld in Sozial- und Bildungssysteme investiert. Dafür zahlen wir jetzt die Zeche mit sicherheitspolitischer Bedeutungslosigkeit. Wir sind ein Zwerg.

Frage: Erklärt das die Rolle der Europäer in Konflikten?
Neitzel: Ja. Wir sind nicht in der Lage, für Sicherheit zu sorgen – in der Ukraine, im Nahen Osten. Die Europäer sitzen in einem nicht manövrierfähigen Boot. Seit der Krim-Annexion 2014 war immer wieder von mehr Rüstung die Rede, aber es hat nicht gefruchtet.

Pistorius: Überschätzt?

Frage: Verteidigungsminister Pistorius ist der beliebteste Politiker. Wird er überschätzt?
Neitzel: Sein Vorteil ist, dass die Bevölkerung nichts von Verteidigungspolitik versteht und er ein guter Kommunikator ist. Das ist ein Lob. Aber kein Bürger kann beurteilen, ob wir vorankommen. Die Generale wissen es, äußern sich aber nicht. Ich bin skeptisch, ob wir die nötige Geschwindigkeit und Tiefe von Reformen haben.

Einsätze der Marine

Frage: Die Marine bereitet sich auf einen Einsatz in der Straße von Hormus vor. Sind das die richtigen Orte?
Neitzel: Das hat keine Priorität, aber es kann aus militärpolitischen Gründen notwendig sein, um den Amerikanern zu signalisieren, dass wir bereit sind. Aber die militärische Notwendigkeit ist fraglich. Wenn die Iraner zustimmen, braucht es unsere Schiffe nicht. Wenn nicht, können wir die Schiffe nicht schützen – das schaffen wir auch im Roten Meer nicht. Der Schwerpunkt der Marine sollte die Ostsee und Nordsee sein, wo es Seekabel zu schützen gilt. In der Diplomatie hat man die Angewohnheit, die Bundeswehr wie eine Streubüchse über den Globus zu schicken.