Reservisten-Präsident fordert Pflichtübungen: Unternehmen sollen Mitarbeiter freistellen müssen
Der neue Präsident des Reservistenverbandes, Bastian Ernst, fordert eine grundlegende Änderung bei der Freistellung von Mitarbeitern für Bundeswehr-Übungen. Der 39-jährige CDU-Politiker aus Delmenhorst will Arbeitgeber verpflichten, ihre Angestellten für Reserve-Dienste freizustellen – auch gegen deren Willen.
„Pflichtwehrübungen, die nicht blockiert werden können“
„Ich bin für Pflichtwehrübungen, die durch die Arbeitgeber nicht blockiert werden können“, erklärt Ernst in einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Bisher gilt in Deutschland das sogenannte doppelte Freiwilligkeitsprinzip: Reservisten können nur dann zu Übungen antreten, wenn sowohl sie selbst als auch ihr Arbeitgeber zustimmen. Ernst will dieses Prinzip kippen und stattdessen Übungen von bis zu sechs Wochen im Jahr ermöglichen, die Arbeitgeber nicht verweigern können.
Der Reservistenverband schätzt, dass in Deutschland ein Potenzial von fast einer Million Reservisten schlummert, das besser genutzt werden könnte. Ernst ist überzeugt, dass seine Forderung nicht nur der Verteidigungsfähigkeit Deutschlands dient, sondern langfristig auch der Wirtschaft nutzt, da gut ausgebildete Reservisten wertvolle Fähigkeiten in ihre zivilen Jobs einbringen können.
Unterstützung aus der Politik
Mit seinem Vorstoß steht Ernst nicht allein. Unterstützung erhält er von Thomas Röwekamp, dem 59-jährigen CDU-Politiker und Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses im Bundestag. Auch Röwekamp spricht sich dafür aus, das bisherige System zu überdenken und mehr Flexibilität bei der Einberufung von Reservisten zu schaffen.
Ernst wurde erst vor wenigen Wochen zum bislang jüngsten Präsidenten des Reservistenverbandes gewählt und hat bereits weitere Pläne: Er will eine eigene Jugendorganisation für junge Reservisten gründen, um den Nachwuchs besser zu fördern und zu binden.
Positive Entwicklungen bei der Bundeswehr
Während die politische Diskussion über Pflichten und Verpflichtungen läuft, verzeichnet die Bundeswehr aktuell erfreuliche Zahlen. Bis Ende März gingen rund 22.700 Bewerbungen ein – ein Plus von 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die Neueinstellungen stiegen um 10 Prozent auf 5.800 Personen.
Besonders deutlich ist der Anstieg bei den Freiwillig Wehrdienstleistenden und den kurzdienenden Zeitsoldaten: Ihre Zahl erhöhte sich im Jahresverlauf um 13,5 Prozent auf 12.700. Das Verteidigungsministerium zeigt sich zufrieden und betont das „hohe Interesse an der attraktiven Arbeitgeberin Bundeswehr“, das sich in den Bewerbungs- und Einstellungsquoten widerspiegele.
Hintergrund: Nato-Vorgaben und Personalziele
Aktuell dienen etwa 185.400 Soldaten in der Bundeswehr – rund 3.300 mehr als noch im März 2025. Der Personalaufwuchs steht im Zusammenhang mit neuen Nato-Vorgaben, nach denen Deutschland im Ernstfall bis zu 460.000 Soldaten stellen können soll. Verteidigungsminister Boris Pistorius hat deshalb ambitionierte Ziele formuliert: Bis 2035 sollen 260.000 aktive Soldaten und zusätzlich 200.000 Reservisten zur Verfügung stehen.
Bereits in diesem Jahr trat eine Reform in Kraft: Alle 18-jährigen Männer müssen verpflichtend einen Fragebogen ausfüllen und sich zur Musterung melden. Der Wehrdienst selbst bleibt jedoch vorerst freiwillig. Für Frauen gilt weiterhin das Prinzip der Freiwilligkeit in allen Bereichen.
Die Diskussion um verpflichtende Wehrübungen für Reservisten und die Freistellungspflicht für Arbeitgeber dürfte in den kommenden Monaten weiter an Fahrt aufnehmen, während die Bundeswehr parallel ihre Personalstärke ausbaut.



