Reservistenverband fordert Dienstalter bis 70 Jahre
Wird die Verteidigung Deutschlands im Ernstfall künftig auch durch Senioren über 65 Jahre gewährleistet? Diese provokante Frage stellt der neue Präsident des Reservistenverbandes, Bastian Ernst (39), mit einem deutlichen Vorstoß: Er fordert eine Erhöhung der Altersgrenze für Reservisten von derzeit 65 auf zukünftig 70 Jahre.
Längere Fitness als Ressource nutzen
„Die Menschen bleiben heute deutlich länger fit und gesund“, begründet Ernst seine Forderung im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Diese wertvolle Ressource an Lebens- und Berufserfahrung sollten wir nicht einfach verschwenden.“ Der Verbandspräsident verweist dabei auf die demografische Entwicklung: „Wenn wir auf der Seite der Jungen über Nachwuchsprobleme klagen, müssen wir auch an der anderen Seite der Alterspyramide nachbessern.“
Der Vorstoß kommt zu einem strategisch bedeutsamen Zeitpunkt. Verteidigungsminister Boris Pistorius (66, SPD) stellt am Mittwoch die neue Militärstrategie der Bundesregierung vor. Diese sieht ein massives Wachstum der Streitkräfte vor: Bis zum Jahr 2035 sollen mindestens 260.000 aktive Soldaten und 200.000 Reservisten zur Verfügung stehen.
Ungenauigkeiten bei Reservistenzahlen
Aktuell besteht jedoch ein grundlegendes Problem: Niemand kennt die genaue Zahl verfügbarer Reservisten. Zwar haben in Deutschland etwa acht bis neun Millionen Menschen gedient, aber nur rund 60.000 sind fest eingeplant. Der Reservistenverband selbst zählt etwa 110.000 Mitglieder. „Aufgabe der neuen Wehrerfassung wird es sein, diese Zahlen exakt zu erfassen“, fordert Ernst.
Streit um das Freiwilligkeitsprinzip
Besonders kontrovers ist eine weitere Forderung des Verbandspräsidenten: Das sogenannte „doppelte Freiwilligkeitsprinzip“ soll aufgeweicht werden. Derzeit müssen sowohl Reservisten freiwillig an Übungen teilnehmen als auch ihre Arbeitgeber zustimmen. Ernst will Arbeitgebern das Einspruchsrecht nehmen: „Sie sollten kein Einspruchsrecht haben, wenn Reservisten zu Übungen eingezogen werden sollen. Die Reservisten selbst sollten wir aber nicht zwingen.“
Der CDU-Politiker Thomas Röwekamp (59), Vorsitzender des Verteidigungsausschusses, unterstützt diese Position. Auch er plädiert für eine Lockerung des bisherigen Prinzips. Ernst ist überzeugt, dass diese Änderungen nicht nur der Bundeswehr, sondern letztlich auch der Wirtschaft nutzen würden, da erfahrene Fachkräfte ihr Wissen weitergeben könnten.
Die Debatte um die Zukunft der Bundeswehr und ihrer Reservisten gewinnt damit an Schärfe. Während einerseits die personelle Aufwuchsfähigkeit im Fokus steht, werden andererseits grundlegende Prinzipien der Freiwilligkeit in Frage gestellt. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob der Vorstoß des Reservistenverbandes politische Unterstützung findet.



