Es war ein Massaker. Fünf Kompanien unter dem Kommando von Oberstleutnant George Armstrong Custer wurden am 25. und 26. Juni 1876 bei der legendären Schlacht am Little Bighorn vernichtet. 268 Gefallene gab es auf Seiten der Vereinigten Staaten, darunter auch Custer selbst.
Nach mehr als einer Woche erschien der erste Zeitungsartikel über die Schlacht, der sich besonders den Gräueltaten der verbündeten Indianervölker widmete: „Die Squaws [ein heute als abwertend verstandener Begriff für Frauen, die Redaktion] scheinen über das Feld gegangen zu sein und die Schädel der Verwundeten und Sterbenden mit Steinen und Knüppeln zertrümmert zu haben. Einigen wurden die Köpfe abgeschlagen, andere wiesen Spuren von Folter auf; ihnen waren bei lebendigem Leib Pfeile in die Genitalien geschossen worden.“ Es lag damals im Interesse der Weißen, das Vorgehen ihrer Feinde als möglichst blutig darzustellen. Custer wurde damals zum Helden, wird inzwischen aber als „grausamer Indianerschlächter“ betrachtet.
Indianer waren Scouts für die Weißen
Der Zeitungsartikel hängt in einem Geschäft, das Kendall Old Elk mit seiner Frau Maria in der Westernstadt „El Dorado“ am Röddelinsee bei Templin betreibt. Der Mann mit den langen schwarzen Zöpfen hat an diesem Vormittag gerade eine Indianershow hinter sich, die zweite folgt bald. In der Pause sitzt an einem Tisch vor dem Geschäft und spricht von mindestens drei Blickwinkeln, die es auf diese Schlacht gibt.
Kendall Old Elk lebt mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter seit 15 Jahren in Templin. Sie gehören zum Stamm der Apsáalooke. Ihre Heimat war, erzählt er, einst so groß wie Deutschland und erstreckte sich in den Great Plains im heutigen US-Bundesstaat Montana. Doch dann drangen die Stämme der Lakota von Osten ein und vom Westen näherten sich die weißen Siedler.
Kendall Old Elk kann die fünf Generationen seiner Familie genau aufzählen, bis er bei einem Mann namens Curley ankommt, der als Scout unter Custer gedient hatte. Die Apsáalooke hatten sich diesen Konflikt nicht ausgesucht, steckten aber mittendrin und mussten sich für eine Seite entscheiden. Am Ende hatten alle verloren, denn die Schlacht am Little Bighorn gilt zwar als letzte große Niederlage der weißen Einwanderer, markiert aber das Ende der Eigenständigkeit der Ureinwohner Nordamerikas. In Reservaten sollten sie so wie die Weißen leben.
Die großen Geschichten am Lagerfeuer
Fast genau 150 Jahre später werden die Geschichten von damals in der Templiner Westernstadt nachgestellt. Anlass ist das „Native American Weekend“ über Himmelfahrt und Pfingsten, zu dem Kendall und Maria 17 Native Americans aus Kanada und den USA in die Uckermark einladen.
An beiden Wochenenden feiern sie jedes Jahr einen sogenannten Powwow, womit große Volksfeste gemeint sind, bei denen in Nordamerika mitunter einige Tausend Mitglieder unterschiedlicher Stämme zusammenkommen können. Im El Dorado wird zwar alles ein wenig kleiner, aber dennoch authentisch, wie Kendall betont: „Für uns ist das kein Hobby. Wir wollen zeigen, wie wir wirklich sind.“
Über die Tage soll es zahlreiche Veranstaltungen geben, mit Musik, Erinnerungsshows, Thementagen und geselligem Beisammensein an einigen Abenden. Das ist dann die Zeit für die großen Geschichten, über die Schlacht, unsere Welt, das Leben und den ganzen Rest. Besucher können die Natives am Lagerfeuer kennenlernen und Interessantes über ihre Kultur erfahren. Auch für die Menschen aus der Region sei das immer wieder ein Erlebnis, selbst wenn sie die Westernstadt vielleicht bereits kennen. Wenn es die Zeit zulässt, wollen sie den Gästen aus Nordamerika die Uckermark zeigen.
Ihre Kultur ist alles, was ihnen bleibt
„Unsere Kultur ist alles, was wir noch haben“, sagt Kendall während eines Spaziergangs durch die Stadt. Sie zu bewahren, sei der Auftrag seiner Vorfahren. Er zeigt auf verschiedene Details an seiner Kleidung: Ketten, Schmuck oder Anhänger, die er oder sein Stamm über die Jahrhunderte geschenkt bekommen haben und die eine Geschichte erzählen können. Solche Geschenke sind ein Zeichen des Respekts, wer sie weitergibt, will damit etwas sagen.
Und so zeigt auch Jörg Schultz, einer der Kollegen aus der Westernstadt, mit Stolz auf eine bunte Schnalle, die sein Halstuch zusammenhält. Er hat sie von Kendall bekommen. „Ich lebe den Cowboy-Lifestyle“, sagt Schultz, der hier meist mit Weste und Revolver unterwegs ist und bei einigen Shows moderiert. Die beiden Männer kennen sich bereits länger und bezeichnen sich als Brüder. Mehr noch: Jörg Schulz krempelt seinen rechten Hemdärmel hoch und zeigt ein großes Tattoo auf seinem Unterarm. Es zeigt den Namen Niclas und eine große Feder. Auch dies sei ein Geschenk des Indianers, ein Zeichen der Wertschätzung für den alleinerziehenden Vater. Die Feder hat er sich verdient.
Darf man Indianer sagen? Eine Frage des Respekts
Beim Thema Respekt kommen sie auch auf diesen diffizilen Begriff zu sprechen. Die Fremdbezeichnung Indianer geht auf die ersten europäischen Kolonialisten Amerikas zurück und ist damit umstritten. Kendall sagt, dass er es wichtiger findet, wie Worte verwendet werden: Man kann etwas mit Verachtung sagen oder echtes Interesse zeigen und etwa nach seinem Stamm fragen. Wichtiger ist also immer die Haltung, die ein Mensch einnimmt.
Das Native American Weekend findet jeweils am Himmelfahrts- und Pfingstwochenende (14.–17. Mai und 23.–25. Mai 2026) statt. Mehr Informationen gibt es auf der Website der Westernstadt „El Dorado“.



