Berlin: Finanzsenator Evers wird auch Kultursenator
Evers übernimmt kommissarisch Kulturressort

Berlin bekommt erneut eine neue Spitze der Kulturverwaltung: Finanzsenator Stefan Evers (CDU) soll das Amt des Kultursenators kommissarisch mit übernehmen. Es ist bereits der dritte Wechsel innerhalb eines Jahres. Erst Anfang Mai 2025 war Joe Chialo (CDU) zurückgetreten, und am vergangenen Freitag bat seine Nachfolgerin Sarah Wedl-Wilson (parteilos) nach monatelangen Diskussionen um die umstrittene Bewilligung von Fördergeldern um ihre Entlassung.

Überraschung in der Kulturszene

Dass ausgerechnet der Finanzsenator, der berufsbedingt als Sparfuchs gilt, für Berlins Kulturlandschaft zuständig sein soll, hat bereits Irritationen provoziert. „Was für eine Pointe. Finanzsenator Stefan Evers, der in der Kürzungsdebatte zunächst vehement den Rotstift angesetzt hatte, nun kommissarisch mit dem Kulturressort zu betrauen – das ist ein Donnerknall, mit dem kaum jemand gerechnet hat“, wunderte sich der Chef des Berliner Ensembles, Oliver Reese.

„Faust und Mephisto in einer Person: Der oberste Verfechter einer strengen Haushaltsdisziplin muss nun im Kampf um den gefährdeten Kulturetat zugleich als Verteidiger von Kunst und Kultur auftreten“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. „Evers muss jetzt zeigen, dass er Perspektiven wechseln kann – und sich als neuer Kultursenator gegenüber dem starken Finanzsenator zu behaupten weiß.“

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Wegner unter Druck

In der Berliner CDU dürften viele erleichtert sein, dass die Diskussion über die Nachfolge für Wedl-Wilson ein Ende hat. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) stand unter erheblichem Druck, schnell eine Lösung für das erneute Personalproblem zu finden. Wegner begründete die Entscheidung insbesondere damit, dass Evers bereits den Hauptstadtfinanzierungsvertrag verhandle, bei dem es auch um die Hauptstadtkultur geht. „Deshalb danke ich Stefan Evers sehr für seine Bereitschaft, die zusätzliche Aufgabe für die kommenden Monate zu übernehmen.“

Am 20. September ist die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus. Danach werden die Karten neu gemischt – und bis dahin muss Evers zwei Ressorts parallel managen. Für Wegner ist das eine naheliegende Lösung: Der Parteifreund aus dem Finanzressort muss sich in vieles nicht erst einarbeiten.

Heilmann war im Gespräch

Allerdings war für die Nachfolge von Wedl-Wilson zunächst ein anderer prominenter Name im Gespräch: Thomas Heilmann. Nach dpa-Informationen gab es mit dem ehemaligen Justizsenator tatsächlich Gespräche. Heilmann, der aktuell im Urlaub in Frankreich ist, hatte sich schon auf die Aufgabe eingestellt. Am Dienstag nach der Senatssitzung räumte Wegner aber ein, es sei noch keine Entscheidung gefallen. Am Dienstagabend verständigten sich die CDU-Kreisvorsitzenden nach dpa-Informationen bei einem Treffen dann auf Evers.

Einigkeit bei den Kreisvorsitzenden

„Es war eine gute Runde, es wurde nach vorne diskutiert“, sagte der Kreisvorsitzende von Steglitz-Zehlendorf, Stephan Standfuß, der Deutschen Presse-Agentur. „Und Evers ist genau die richtige Entscheidung.“ An der Sitzung nahm auch Wegner teil. Dabei wurde nach Angaben aus Teilnehmerkreisen durchaus Tacheles geredet. Über Details der Diskussion wurde Stillschweigen vereinbart. Mit Blick auf Evers seien sich die Kreisvorsitzenden aber einig gewesen, weil der zum einen finanzpolitische Expertise mitbringe, zum anderen auch kulturaffin sei.

Herausforderungen für Evers

Wie wichtig es in den nicht einmal fünf Monaten bis zur Wahl sein wird, sich mit Chopin-Etüden oder Rossini-Opern auszukennen, gilt als fraglich. Fest steht: Evers muss sich um die Trümmer auf der Baustelle kümmern, die Wedl-Wilson hinterlassen hat. Mit ihrem Rücktritt hatte sie die Konsequenzen aus dem vernichtenden Urteil des Landesrechnungshofs gezogen, der die Förderung von 13 Projekten im Bereich der Antisemitismusprävention im Umfang von 2,6 Millionen Euro als „evident rechtswidrig“ bewertet hatte.

Die Frage, die Evers nun beantworten muss, lautet: Wie lassen sich solche Fördermittel so bewilligen, dass der Landesrechnungshof nicht ein weiteres Mal auf die Barrikaden geht? Nicht nur den Kreisvorsitzenden liegt daran, dass es über das Thema nicht weiter unangenehme Schlagzeilen gibt – und Wegners Interesse ist das auch.

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Kritik von den Grünen

Die Grünen behalten Wegner im Visier: „Die verstolperte Entscheidung für die Nachfolge der zurückgetretenen Kultursenatorin ist der endgültige Beweis, dass Kai Wegner die Lage nicht mehr unter Kontrolle bekommt“, sagte Grünen-Fraktionschef Werner Graf. „Weder hat er seinen Senat als Regierender Bürgermeister im Griff, noch hat er offenbar noch irgendeine Autorität in seiner Partei als Parteivorsitzender.“