Das Ende einer Ära: DDR-Traumschiff „MS Völkerfreundschaft“ wird in Gent abgewrackt
Die „MS Völkerfreundschaft“, einst das Flaggschiff der kleinen DDR-Kreuzfahrtflotte, wird derzeit in einer Recycling-Werft in Gent endgültig zerlegt. Das Schiff, das DDR-Bürger einst in luxuriöser Umgebung bis ans Schwarze Meer und sogar nach Athen brachte, endet 37 Jahre nach dem Mauerfall als Metallschrott.
Vom Stolz der DDR zum Haufen Schrott
„Das war mal ein richtig stolzes Schiff“, erinnert sich Dieter Schumann wehmütig. Der 72-Jährige war 1973 als Jungmatrose auf der „MS Völkerfreundschaft“ unterwegs. „Und jetzt ist es ein Haufen Schrott.“ Das 160 Meter lange Schiff, ursprünglich 1948 in Schweden als „Stockholm“ gebaut, wurde 1959 von der DDR für etwa 20 Millionen schwedische Kronen erworben und 1960 als „MS Völkerfreundschaft“ in Dienst gestellt.
Luxuriöses Reisen im Sozialismus
Das Einklassen-Schiff bot DDR-Bürgern ungeahnten Luxus:
- Außen- und Innenschwimmbad
- Frisiersalon und Rauchersalon
- Veranda-Café mit großer Tanzfläche
- Kinosaal für 180 Besucher
- Operationssaal, Röntgenlabor und Hospital
Betrieben vom Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB), waren Plätze an Bord oft Belohnungen für Arbeiter oder Parteiveteranen. Etwa 280.000 DDR-Bürger konnten solche Seereisen unternehmen, wobei viele die Landgänge für Fluchtversuche nutzten: 225 Passagiere und Besatzungsmitglieder verließen das Schiff auf diese Weise endgültig.
Das traurige Ende in Belgien
Zuletzt fuhr das Schiff unter portugiesischer Flagge als „Astoria“, bis es fahruntauglich wurde. Nun wird es in der Werft Galloo in Gent demontiert. Insgesamt 12.000 Tonnen Material – Stahl, Holz, Glas und Plastik – werden aus dem Schiff gewonnen, wobei über 97 Prozent recycelt werden sollen.
Peter Wyntin, Leiter des Schiffsrecyclings bei Galloo, bedauert, dass den Wünschen vieler Menschen nach Andenken nicht entsprochen werden kann. „Der Prozess ist durchgetaktet und für jedes Schiff fast identisch“, erklärt er. „Der einzige Unterschied ist, dass mehr Müll an Bord ist, weil es ein Kreuzfahrtschiff war.“
Bewegte Geschichte mit tragischem Vorfall
Bevor das Schiff zur „MS Völkerfreundschaft“ wurde, machte es als „Stockholm“ 1956 traurige Schlagzeilen: Im dichten Nebel vor der nordamerikanischen Küste kollidierte es mit dem italienischen Luxusliner „Andrea Doria“, der daraufhin sank. 51 Menschen verloren bei diesem Unglück ihr Leben.
Persönliche Erinnerungen eines Matrosen
Dieter Schumann hat durchweg positive Erinnerungen an seine Zeit auf dem Schiff, insbesondere an die Begegnung mit Fernsehkapitän Gerd Peters, der in der DDR durch TV-Auftritte bekannt war und zeitweise das Kommando auf der „Völkerfreundschaft“ führte. „Der sah immer ganz schnieke aus. Und er war ein Partylöwe“, erinnert sich Schumann.
Eine besondere Anekdote: Als Schumann einmal zur „Nachtbrigade“ eingeteilt war und eine Disco-Veranstaltung unterstützen sollte, wurde er kurzerhand zum DJ. Da Peters großer Fan von James Last war, legte Schumann dessen Musik auf, sobald der Kapitän in Sicht kam – mit dem Erfolg, dass Peters bald durch den Saal tanzte.
Längster Dienst eines Transatlantik-Schiffes
1985 verkaufte die DDR das Schiff, das durch die modernere „Arkona“ ersetzt wurde. Unter wechselnden Namen und Eigentümern blieb das ehemalige DDR-Traumschiff jedoch im Einsatz und gilt als das am längsten im Dienst befindliche Transatlantik-Schiff der Welt. Nun endet diese bemerkenswerte Karriere in einer belgischen Recycling-Anlage, wo die letzten Überreste des einstigen Stolzes der DDR-Kreuzfahrt demontiert werden.



