Vier Jahre Ukraine-Krieg: Eine persönliche Geschichte aus Schwerin
Redakteurin Viktoria Kravtschenko aus Schwerin hat familiäre Wurzeln in der ukrainischen Stadt Tschernihiw. Als 2022 der Krieg begann, floh ihre Familie aus der zerstörten Stadt. Mehr als eine Woche war sie mit Bussen und Zügen unterwegs, bis sie Deutschland erreichte. Heute lebt sie in Rostock.
Der Anruf, der alles veränderte
Der Anruf kam an einem grauen Februartag im Jahr 2022. Ich sehe die Anzeige meines Telefons noch heute vor mir. Mein Vater. Als ich abnahm, hörte ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Seine Stimme klang leiser als sonst, angespannt. „Der Krieg hat begonnen“, sagte er. Dann eine kurze Pause. „Unsere Familie ist noch in Tschernihiw.“ In diesem Moment fühlte sich alles unwirklich an. Die Nachrichten hatte ich verfolgt, die Bilder täglich bei der Arbeit und auch privat gesehen. Doch plötzlich ging es nicht mehr um politische Analysen oder Schlagzeilen. Es ging um Menschen, die ich liebe. Um Orte, an denen ich aufgewachsen bin.
Kurz nachdem ich aufgelegt hatte, rief mich eine Kollegin an. Sie hatte von der Situation gehört und sprach mir ihr Mitgefühl aus. „Nimm dir frei, wenn du musst“, sagte sie. „Hier hat jeder Verständnis.“ Damals konnte ich diese Worte kaum greifen. Meine Gedanken waren bei meiner Familie. Bei den Bildern aus der Ukraine. Bei der Angst, die plötzlich alles bestimmte. Heute weiß ich, wie viel diese Geste wert war. Und wie dankbar ich dafür bin. Vier Jahre sind seit diesen Anrufen vergangen. Vier Jahre voller Angst, Hoffnung und unzähliger Telefonate mit Menschen, die plötzlich mitten im Krieg lebten.
Eine Stadt zwischen Sommererinnerungen und Krieg
Ich bin 33 Jahre alt und lebe heute in Schwerin. Seit 23 Jahren ist Deutschland mein Zuhause. Ich arbeite als Redakteurin und schreibe auch Fantasyromane. Doch ein Teil meiner Familie und viele meiner Erinnerungen liegen in der Ukraine. Mein Vater wurde in Tschernihiw geboren. Ich selbst kam in Russland zur Welt. Doch meine Kindheit gehört genauso zur Ukraine. Jeden Sommer fuhren wir dorthin. Wochenlang. Manchmal ans Schwarze Meer, doch immer auch zur Familie meines Vaters nach Tschernihiw.
Dort haben meine Eltern geheiratet. In dieser Stadt wurde ich getauft. Wenn ich heute den Namen Tschernihiw lese, sehe ich deshalb nicht zuerst Krieg. Ich sehe Sommer. Ich sehe den Dytynets-Hügel mit den gusseisernen Kanonen aus dem 17. Jahrhundert, die über den Fluss Desna blicken. Dort oben machten wir jedes Jahr Familienfotos. Mein Vater stellte mich zwischen die alten Geschütze, meine Eltern lachten, die Sonne blendete. Damals waren die Kanonen für mich nur eine Kulisse.
Pflaumenbrötchen vom Großvater
Viele Erinnerungen sind klein. Mein Großvater ging morgens oft zum Supermarkt an der Ecke. Einmal hatte ich erwähnt, dass mir die „Bulochki“ dort besonders schmecken – kleine Brötchen mit Pflaumenfüllung. Am nächsten Morgen stand er mit einer ganzen Tüte davon in der Küche. „Du hast doch gesagt, die sind lecker“, sagte er und lächelte.
Auch die Sommerabende bei meiner Tante und meinem Onkel gehören zu diesen Bildern. Ihr Grundstück war, solange ich denken kann, irgendwie eine Baustelle. Aber genau dort fanden die schönsten Schaschlik-Abende statt. Der Grill qualmte, irgendwo lief Musik, Erwachsene sangen, Kinder rannten durch den Garten, die Hunde bellten in all dem fröhlichen Durcheinander. Heute existiert dieses Haus nicht mehr, auch den Supermarkt mit den Brötchen gibt es nicht länger.
Als der Krieg die Familie traf
Als der Krieg ausbrach, wollten meine Großeltern ihre Heimat nicht verlassen. „Wir sind zu alt für Flucht. Wo soll ich noch hin?“, sagte mein Großvater damals am Telefon. Dieses Gespräch war sehr schwer für mich, ich konnte ihn nicht verstehen, versuchte ihn zu überreden, damit er doch noch aus der Stadt floh. Doch für ihn war Tschernihiw mehr als ein Wohnort. Dort hatte er sein ganzes Leben verbracht, dort lebten seine Erinnerungen, seine Familie, seine Geschichte.
Mit jedem Tag seit Kriegsbeginn wurde die Situation für ihn schwieriger. Die medizinische Versorgung verschlechterte sich, Strom und Wasser fielen zeitweise aus, die Angst wurde zum ständigen Begleiter. Während dieser Zeit starb mein Großvater, später auch meine Großmutter. Mit ihnen ging ein Stück meiner Kindheit verloren und ein Teil von mir. Bereits 2023 erzählten meine Tante Inna und mein Onkel Juri der Redaktion von ihrer Flucht aus der Ukraine und ihrem Weg nach Deutschland. Damals konnte sich kaum jemand vorstellen, dass der Krieg auch Jahre später noch andauern würde.
Die Flucht und Ankunft in Schwerin
Im Sommer 2022 gelang einem anderen Teil meiner Familie die Flucht. Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als wir sie in Schwerin empfingen – mitten in der Corona-Zeit. Sie hatten nur wenige Taschen dabei. Die Kinder hielten kleine Rucksäcke fest umklammert. Mehr als eine Woche waren sie unterwegs gewesen, mit Bussen und Zügen quer durch die Ukraine, Polen und schließlich Deutschland. „Wir sind einfach gefahren, immer weiter“, erinnert sich meine Tante Inna. „Hauptsache weg.“ Zurückbleiben musste vieles: ihr Haus, ihre Freunde, ihre Nachbarn und sogar ihre geliebten Haustiere. „Das war das Schwerste“, sagte mein Onkel Juri leise. „Du gehst und weißt nicht, ob du jemals zurückkommst.“
Als sie schließlich in Schwerin ankamen, wirkten sie erschöpft, aber erleichtert. Unser erster Weg führte in den Supermarkt. Lebensmittel, Kleidung, Spielsachen – irgendetwas, das ein bisschen Normalität versprach. Besonders erinnere ich mich an die Überraschungseier. Die Kinder saßen auf dem Bett in ihrer Unterkunft und öffneten vorsichtig die kleinen Kapseln. Für einen Moment war der Krieg weit weg.
Auch viele Menschen hier halfen. Kollegen sammelten Kleidung und Spielsagen und brachten sie vorbei. „Wir kannten hier niemanden“, sagt meine Tante heute. „Und trotzdem haben uns so viele Menschen geholfen. Das werden wir nie vergessen.“
Neues Leben in Rostock
Heute lebt ein Teil meiner Familie in Rostock. Die Kinder gehen zur Schule, lernen Deutsch und beginnen langsam, hier ein neues Leben aufzubauen. Manchmal lachen sie über Dinge, die für uns selbstverständlich sind. „Diese Mülltrennung“, sagt mein Onkel und zeigt auf die Tonnen. „Papier, Bio, Plastik – so viele Regeln.“ Dann lacht er. „Nach Bomben und Kellern ist das plötzlich ein Luxusproblem. Aber wir finden es toll.“
Die Stadt heute und vier Jahre später
Tschernihiw liegt im Norden der Ukraine, nahe den Grenzen zu Belarus und Russland. Die Stadt war 2022 stark umkämpft und zeitweise belagert. Heute gehört sie nicht mehr zur direkten Frontlinie, doch die Region bleibt militärisch sensibel. Russland greift weiterhin regelmäßig mit Drohnen und Raketen Ziele in der Region an – darunter Energieanlagen und Infrastruktur.
Im Winter 2025/2026 wurden Umspannwerke beschädigt, was erneut zu Stromproblemen führte. Auch zivile Ziele sind betroffen. Anfang 2026 traf eine Drohne eine Ambulanz in der Region, zwei Sanitäter wurden verletzt. In derselben Angriffswelle wurden Gebäude, darunter eine Musikschule, beschädigt. Solche Angriffe passieren nicht täglich in der Stadt selbst, doch sie gehören weiterhin zum Alltag der Region.
Nach Beginn des Krieges hat sich auch eine neue Verbindung ergeben: Am 17. Januar 2024 schlossen Mecklenburg-Vorpommern und die ukrainische Oblast Tschernihiw ein Partnerschaftsabkommen. Für viele ist das ein politisches Zeichen. Für mich ist es mehr. Eine Verbindung zwischen dem Ort, an dem ich heute lebe, und der Stadt meiner Kindheit.
Manchmal denke ich darüber nach, nach Tschernihiw zu reisen. Doch bisher habe ich mich nicht getraut. Die Angst ist zu groß, die vertrauten Orte in ihrem jetzigen Zustand zu sehen. Und doch bleibt diese Stadt für mich mehr als ein Kriegsschauplatz. Sie bleibt der Ort der Kanonen über dem Fluss. Der Ort der Pflaumenbrötchen meines Großvaters. Und der Ort der Sommerabende mit Schaschlik und voller Lachen.



