Das Ende einer Ära: Wiedewald Moden schließt nach 150 Jahren
In Güstrow geht eine jahrhundertealte Tradition zu Ende: Am 30. April schließt das Familienunternehmen Wiedewald Moden nach mehr als 150 Jahren für immer seine Türen. Damit endet eine bewegte Familiengeschichte, die fünf Generationen überdauerte und zahlreiche historische Umbrüche miterlebte. Der letzte Verkaufstag markiert das finale Kapitel eines der ältesten Güstrower Traditionsbetriebe.
Von der Kürschnerwerkstatt zum Modegeschäft
Die Wurzeln des Unternehmens reichen bis in die Kaiserzeit zurück. Am 1. Mai 1875 gründete Kürschnermeister Julius Wiedewald eine Kürschnerwerkstatt, die den Grundstein für das spätere Familienimperium legte. Ihm folgten mehrere Generationen, die das Handwerk weiterführten und ausbauten. Besonders bemerkenswert ist die Rolle der Frauen in der Unternehmensgeschichte: Nach dem frühen Tod ihres Mannes übernahm Tilli Wiedewald die Geschäfte, und später führte Tochter Stefanie die Tradition fort, bevor sie den Betrieb an ihren Ehemann Wilfried Minich übergab.
Der Firmensitz wechselte im Laufe der Jahrzehnte mehrfach. Ursprünglich befand sich das Geschäft an der Stelle der heutigen Häuser Markt 1 und 2, bevor es um 1900 kurzzeitig zum Pferdemarkt 16 zog – dem heutigen Standort einer Fielmann-Filiale. Seit den 1920er-Jahren prägte das Gebäude am Pferdemarkt 23 mit seinen markanten Bogenfenstern das Stadtbild. Hier befanden sich sowohl der Verkaufsraum als auch die Werkstatt in den hinteren Räumen und im Keller.
Pelzwaren und sowjetische Generäle
Über viele Jahrzehnte stand bei Wiedewald die Herstellung und der Verkauf von Pelzwaren im Mittelpunkt. „Die längste Zeit stand bei Wiedewald die Herstellung und der Verkauf von Pelzwaren aller Art im Zentrum der Tätigkeit“, erinnert sich Wilfried Minich. In Güstrows Blütezeit gab es über 20 Kürschnerbetriebe, die für warme Kleidung sorgten, da Baumwollbekleidung noch nicht weit verbreitet war.
Ein besonders faszinierendes Kapitel der Firmengeschichte spielte sich in der DDR-Zeit ab. Nach der Enteignung durch die Volkseigene Handelsorganisation (HO) konnte die Familie zwar weiter in einer privaten Werkstatt produzieren, der Verkauf erfolgte jedoch nur noch spartanisch in einem Flur des Hauses. Die Hauptkundschaft bildeten überraschenderweise sowjetische Offiziere aus dem nahegelegenen Hospital Am Wall, die sich mit Pelzmänteln, Jacken und Mützen für mehrere tausend Mark eindeckten. Selbst Generäle sollen zu den zahlungskräftigen Kunden gehört haben.
Wende und Neuanfang
Mit der politischen Wende 1989/90 erhielt die Familie ihr Eigentum zurück, doch die Produktion von Kürschner-Artikeln wurde eingestellt. Fortan konzentrierte sich Wiedewald Moden auf den Handel mit Bekleidung, Pelzen und Lederartikeln. Die alten Nähmaschinen blieben zwar im Familienbesitz, werden aber nicht mehr genutzt.
Gründe für das Ende
Die Entscheidung zur Geschäftsaufgabe hat sowohl persönliche als auch wirtschaftliche Gründe. „Das Alter spielt, wenn man die 60 Jahre erreicht hat, eine Rolle. Es gibt aber auch keinen, der die Firma weiterführen kann“, erklärt Wilfried Minich. Hinzu kommen die veränderten Konsumgewohnheiten und die nachlassende Attraktivität Güstrows als Einkaufsstadt. Das Gebäude am Pferdemarkt 23 ist bereits verkauft, und die neuen Eigentümer haben eigene Pläne für die Nutzung.
Bis zum 30. April können Kunden noch letzte Sonderangebote nutzen und Gutscheine einlösen. Die Familie bedankt sich bei allen Kunden für die jahrzehntelange Treue über mehrere Generationen hinweg. Mit dem endgültigen Schließen der Türen endet nicht nur ein Geschäft, sondern ein Stück Güstrower Stadtgeschichte.



