Vier Jahre Ukraine-Krieg: Wie der Krieg meine Heimat zerstörte, aber nicht meine Erinnerungen
Als der Anruf an jenem grauen Februartag 2022 kam, wusste ich sofort, dass nichts mehr sein würde wie zuvor. Mein Vater am anderen Ende der Leitung – seine Stimme klang leiser als gewöhnlich, angespannt und voller Sorge. „Der Krieg hat begonnen“, sagte er nach kurzem Zögern. „Unsere Familie ist noch in Tschernihiw.“ In diesem Moment verwandelten sich die Nachrichtenbilder, die ich täglich bei der Arbeit und privat verfolgt hatte, von abstrakten politischen Analysen zu einer unmittelbaren Bedrohung für Menschen, die ich liebe, und Orte, an denen ich aufgewachsen bin.
Eine Stadt zwischen Sommerglück und Kriegswirklichkeit
Ich bin 33 Jahre alt und lebe seit 23 Jahren in Deutschland, heute in Schwerin, wo ich als Redakteurin arbeite und Fantasyromane schreibe. Doch ein wesentlicher Teil meiner Identität und unzählige Kindheitserinnerungen sind in der Ukraine verwurzelt. Mein Vater wurde in Tschernihiw geboren, und obwohl ich selbst in Russland zur Welt kam, verbrachte ich jeden Sommer Wochenlang bei der Familie meines Vaters in dieser nordukrainischen Stadt.
Wenn ich heute den Namen Tschernihiw höre, sehe ich nicht zuerst zerstörte Gebäude oder Kriegsberichte. Ich sehe den Dytynets-Hügel mit seinen historischen gusseisernen Kanonen aus dem 17. Jahrhundert, die über den Fluss Desna blicken. Dort machten wir jedes Jahr Familienfotos – mein Vater stellte mich zwischen die alten Geschütze, während meine Eltern lachten und die Sommersonne uns blendete. Damals waren diese Kanonen für mich nur eine malerische Kulisse, heute sind sie zu Symbolen einer vergangenen Unbeschwertheit geworden.
Die kleinen Dinge, die Heimat ausmachen
Viele meiner kostbarsten Erinnerungen sind scheinbar unbedeutende Alltagsmomente. Mein Großvater ging morgens regelmäßig zum Supermarkt an der Ecke. Als ich einmal erwähnte, wie sehr mir die „Bulochki“ dort schmeckten – kleine Brötchen mit süßer Pflaumenfüllung – stand er am nächsten Morgen mit einer ganzen Tüte voll davon in der Küche. „Du hast doch gesagt, die sind lecker“, erklärte er mit einem warmen Lächeln.
Die Sommerabende bei meiner Tante und meinem Onkel gehören ebenso zu diesen unauslöschlichen Bildern. Ihr Grundstück war, solange ich denken kann, irgendwie eine permanente Baustelle, doch genau dort fanden die schönsten Schaschlik-Abende statt. Der Grill qualmte, irgendwo lief Musik, Erwachsene sangen traditionelle Lieder, während Kinder durch den Garten rannten und Hunde in dem fröhlichen Durcheinander bellten. Heute existiert dieses Haus nicht mehr, auch der Supermarkt mit den köstlichen Pflaumenbrötchen wurde zerstört.
Flucht und Verlust
Als der Krieg ausbrach, weigerten sich meine Großeltern zunächst, ihre Heimat zu verlassen. „Wir sind zu alt für die Flucht. Wo soll ich denn noch hin?“, sagte mein Großvater damals am Telefon mit einer Mischung aus Stolz und Resignation. Dieses Gespräch war eines der schwersten meines Lebens – ich konnte seine Entscheidung nicht nachvollziehen und versuchte verzweifelt, ihn zur Flucht zu überreden. Für ihn war Tschernihiw jedoch mehr als nur ein Wohnort: Dort hatte er sein gesamtes Leben verbracht, dort lebten seine Erinnerungen, seine Familie und seine persönliche Geschichte.
Mit jedem Kriegstag verschlechterte sich die Situation dramatisch. Die medizinische Versorgung brach zusammen, Strom- und Wasserausfälle wurden zur Normalität, und die Angst wurde zu einem ständigen Begleiter. In dieser Zeit starb mein Großvater, später folgte ihm meine Großmutter. Mit ihnen verlor ich nicht nur geliebte Familienmitglieder, sondern auch ein Stück meiner Kindheit und meiner eigenen Identität.
Die gefährliche Reise in die Sicherheit
Im Sommer 2022 gelang einem anderen Teil meiner Familie schließlich die Flucht. Ich erinnere mich genau an den Tag, als wir sie in Schwerin empfingen – mitten in der noch andauernden Corona-Pandemie. Sie hatten nur wenige Taschen bei sich, die Kinder hielten kleine Rucksäcke fest umklammert, als wären es ihre wertvollsten Besitztümer. Mehr als eine Woche waren sie unterwegs gewesen, reisten mit Bussen und Zügen quer durch die Ukraine, weiter durch Polen und schließlich nach Deutschland.
„Wir sind einfach gefahren, immer weiter“, erinnert sich meine Tante Inna. „Hauptsache weg von den Bomben.“ Zurücklassen mussten sie fast alles: ihr Haus, ihre Freunde, die Nachbarn und sogar ihre geliebten Haustiere. „Das war das Allerschwerste“, sagte mein Onkel Juri mit gedämpfter Stimme. „Du gehst und weißt nicht, ob du jemals zurückkehren kannst, ob du dein Zuhause je wieder siehst.“
Ankunft und Neuanfang
Als sie schließlich in Schwerin ankamen, wirkten sie erschöpft, aber zugleich spürbar erleichtert. Unser erster Weg führte in den Supermarkt – wir kauften Lebensmittel, Kleidung, Spielsachen, irgendetwas, das ein Gefühl von Normalität und Sicherheit vermitteln sollte. Besonders eindrücklich bleibt mir der Moment, als die Kinder auf dem Bett in ihrer ersten Unterkunft saßen und vorsichtig Überraschungseier öffneten. Für einen kurzen Augenblick war der Krieg weit weg, und kindliche Freude kehrte in ihre Gesichter zurück.
Die Hilfsbereitschaft in Deutschland überwältigte uns. Kollegen sammelten Kleidung und Spielsachen, Nachbarn boten Unterstützung an, Fremde zeigten Mitgefühl. „Wir kannten hier niemanden“, sagt meine Tante heute. „Und trotzdem haben uns so viele Menschen geholfen. Diese Solidarität werden wir nie vergessen.“
Leben im Exil
Heute lebt ein Teil meiner Familie in Rostock. Die Kinder gehen zur Schule, lernen Deutsch und beginnen langsam, sich in ihrer neuen Umgebung einzuleben. Manchmal finden sie humorvolle Seiten an Dingen, die für uns selbstverständlich sind. „Diese deutsche Mülltrennung“, sagt mein Onkel und zeigt lachend auf die verschiedenen Tonnen. „Papier, Bio, Plastik – so viele Regeln! Nach Bomben und monatelangem Leben im Keller erscheint das plötzlich wie ein Luxusproblem. Aber wir finden es großartig, dass es solche Probleme hier gibt.“
Tschernihiw heute
Tschernihiw liegt im Norden der Ukraine, nahe den Grenzen zu Belarus und Russland. Die Stadt war 2022 schwer umkämpft und zeitweise belagert. Zwar gehört sie heute nicht mehr zur unmittelbaren Frontlinie, doch die Region bleibt militärisch höchst sensibel. Russland greift weiterhin regelmäßig mit Drohnen und Raketen Ziele in der Region an – darunter kritische Energieanlagen und zivile Infrastruktur.
Im Winter 2025/2026 wurden Umspannwerke beschädigt, was erneut zu massiven Stromproblemen führte. Auch zivile Einrichtungen bleiben nicht verschont: Anfang 2026 traf eine Drohne eine Ambulanz in der Region und verletzte zwei Sanitäter. In derselben Angriffswelle wurden mehrere Gebäude beschädigt, darunter eine Musikschule. Solche Angriffe finden zwar nicht täglich in der Stadt selbst statt, doch sie prägen weiterhin den Alltag der gesamten Region.
Vier Jahre später – Verbindungen über Grenzen hinweg
Seit Kriegsbeginn hat sich eine besondere Verbindung entwickelt: Am 17. Januar 2024 schlossen Mecklenburg-Vorpommern und die ukrainische Oblast Tschernihiw ein offizielles Partnerschaftsabkommen. Für viele ist dies vor allem ein politisches Signal der Solidarität. Für mich persönlich bedeutet es weit mehr – es schafft eine konkrete Brücke zwischen dem Ort, an dem ich heute lebe, und der Stadt meiner Kindheit, meiner Erinnerungen und meiner familiären Wurzeln.
Manchmal denke ich darüber nach, nach Tschernihiw zu reisen, um mit eigenen Augen zu sehen, was vom Ort meiner Kindheit geblieben ist. Doch bisher habe ich mich nicht getraut. Die Angst ist zu groß, die vertrauten Orte in ihrem jetzigen, zerstörten Zustand sehen zu müssen. Und doch bleibt diese Stadt für mich mehr als nur ein Kriegsschauplatz in den Nachrichten. Sie bleibt der Ort der Kanonen über dem Fluss Desna. Der Ort der Pflaumenbrötchen meines Großvaters. Der Ort der Sommerabende mit Schaschlik, Lachen und unbeschwerter Familienfreude. Diese Erinnerungen kann kein Krieg zerstören.



