Eine Welle von Klagen rollt durch Mecklenburg-Vorpommern: 129 Städte und Gemeinden wehren sich gegen die Ergebnisse des Zensus 2022. Die vom Statistischen Amt ermittelten Einwohnerzahlen liegen teils deutlich unter den kommunalen Melderegistern. Für die betroffenen Kommunen hat das gravierende Konsequenzen: weniger finanzielle Zuweisungen, weniger Ärzte und kleinere Schulen.
Der Zensus und seine Folgen
Mehr als 55.000 Einwohner – etwa 3,5 Prozent der Bevölkerung – sind in MV auf dem Papier verschwunden. Der Zensus, eine bundesweite Erhebung, kommt auf deutlich niedrigere Zahlen als die lokalen Meldeämter. Klaus-Michael Glaser vom Städte- und Gemeindetag MV nennt die Differenz „unfassbar“. Er verweist auf Beispiele, wo die Einwohnerzahl über den Fortbestand von Schulen entscheidet: „Wir wissen ja, dass wir die Kinder in den Klassen haben.“
Methodische Kritik
Glaser zweifelt an der Zählweise: Beim Zensus wurden nur zehn Prozent der Haushalte befragt und die Ergebnisse hochgerechnet. „Wenn ein Einwohner nicht da war, waren also zehn nicht da“, kritisiert er. Diese Stichprobenmethode führe zu Verzerrungen, die nun die Infrastruktur vor Ort bedrohen.
Heringsdorf: Ein besonders krasses Beispiel
Die Gemeinde Heringsdorf auf Usedom verlor laut Zensus fast jeden dritten Einwohner – von 8400 auf 6000. Bürgermeisterin Laura Isabelle Marisken widerspricht: Bei der Bundestagswahl 2021 gab es 6999 Wahlberechtigte, bei der Bürgermeisterwahl 2025 sogar 7035. Der Zensus habe also zu niedrig gezählt. Die finanziellen Einbußen betragen fast eine Million Euro pro Jahr.
Ärztemangel droht
Besonders brisant: Die Bedarfsplanung für Ärzte stützt sich auf die Zensus-Zahlen. Heringsdorf und die gesamte Insel Usedom gelten nun als überversorgt – obwohl die tatsächliche Zahl der Ärzte gleich blieb. Neue Niederlassungen sind damit ausgeschlossen. „Unsere Ärzte arbeiten seit Jahren an der Belastungsgrenze“, so Marisken. Sie fordert eine realitätsnahe Betrachtung, die auch Urlauber berücksichtigt.
Klagen laufen
Viele Kommunen haben Klage eingereicht. Das Verwaltungsgericht Greifswald bestätigt ein Musterverfahren, das vorrangig behandelt werden soll – ein Termin steht aber noch aus. Ursprünglich erwogen über 200 Kommunen eine Klage, 159 sind dem Innenministerium bekannt. Einige Klagen wurden bereits abgewiesen oder zurückgezogen.
Prüfprozess des Ministeriums
Das Innenministerium MV versprach im Herbst 2025, die Beschwerden zu prüfen und eine Methode zum Umgang mit den Diskrepanzen zu entwickeln. Bislang läuft der Prozess noch, ein Ergebnis steht aus. Der Städte- und Gemeindetag hat ein wissenschaftliches Gutachten in Auftrag gegeben. „Die Erfolgsaussichten werden besser“, sagt Glaser. Bundesweit klagen rund 300 Kommunen gegen den Zensus.



