Geheime Katastrophen: Die vergessenen Abstürze der NVA-Jets in Vorpommern
Geheime Katastrophen: NVA-Jet-Abstürze in Vorpommern

Geheime Katastrophen: Die vergessenen Abstürze der NVA-Jets in Vorpommern

Ausgerechnet im idyllischen Nordosten Deutschlands gab es während der DDR-Zeit eine ungewöhnlich hohe Dichte an Fluglärm und tragischen Abstürzen von Militärjets. Oft endeten diese Vorfälle tödlich, doch die Öffentlichkeit erfuhr nur selten davon. Vor fast genau 65 Jahren, am 16. März 1961, verunglückte der erste NVA-Kampfpilot in der Region bei einer Notlandung in Trollenhagen. Der letzte Absturz eines DDR-Militärjets ereignete sich nur wenige Tage vor der Wiedervereinigung im September 1990, als ein Major in den Greifswalder Bodden stürzte.

Militärische Hotspots: Neubrandenburg und Usedom

Im Mittelpunkt des Geschehens standen der Raum Neubrandenburg sowie die Insel Usedom mit dem angrenzenden Festland. Auf dem Flugplatz Trollenhagen nahe Neubrandenburg war seit 1960/61 das Jagdfliegergeschwader 2 der Nationalen Volksarmee stationiert, während in Peenemünde an der Ostsee das JG 9 seinen Stützpunkt hatte. Zusätzlich dienten die Flugplätze Garz und Tutow häufig als Ausweichstandorte, insbesondere bei Bauarbeiten oder Engpässen.

Die Geheimhaltung rund um militärische Vorfälle war in der DDR extrem hoch. Selbst bei Havarien oder Katastrophen außerhalb der Militärgelände herrschte größtmögliche Verschwiegenheit. Viele Details zu den Abstürzen konnten erst nach der Wende von ehemaligen Angehörigen der Fliegertruppen, örtlichen Chronisten und durch Internetforen zusammengetragen werden. Dennoch bleiben bis heute einige Unklarheiten bestehen.

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Dokumentierte Verluste und tödliche Vorkommnisse

Als ausführlichste gedruckte Quellen gelten das Buch MiGs über Peenemünde von Manfred Kanetzki für das JG 9 und 30 Jahre Starten und Landen für das JG 2. Eine umfassende Übersicht bietet das Werk 11-80, katapultieren Sie! von Thomas Bußmann, Horst Kleest und Lutz Freundt. Darin werden für die 1956 gegründete NVA insgesamt 120 tödliche Vorkommnisse mit Luftfahrzeugen aufgelistet, zu denen noch deutlich mehr Brüche und Havarien hinzukamen.

Alleine vom JG 2 sollen 14 Piloten und ein Techniker bei der Ausübung ihres Dienstes ums Leben gekommen sein. Beim JG 9 waren es 19 Flugzeugführer, einige davon während Verlegungen. Die Ostsee als Grenzgewässer zwischen den Staaten des Warschauer Vertrages und der NATO führte zu einer hohen Anzahl an Militärflügen und entsprechend mehr Unfällen in der Region.

Chronik der Abstürze: Von 1960 bis 1990

Bereits im Juni 1960 ist ein erster Crash aus Tutow vermerkt, bei dem eine Jak-11 nach der Landung mit einem Kraftfahrzeug kollidierte. Nur fünf Tage später ging eine MiG-17F aufgrund einer zu hohen Aufsetzgeschwindigkeit kaputt. Der erste Verlust eines NVA-Piloten in der Region ereignete sich am 16. März 1961, als ein Unterleutnant mit seiner MiG-17F bei einer Notlandung in Trollenhagen verunglückte.

Weitere tragische Vorfälle folgten: Im Juni 1961 starb ein Pilot aus Peenemünde, als sein Düsenjäger nahe der Hafeneinfahrt Swinemünde in der Ostsee zerschellte. Ein anderes Mitglied dieser Einheit prallte im Juli desselben Jahres nachts gegen die Steilküste bei Koserow. Im November 1962 konnte sich ein Pilot bei einem Ausfall der Bordelektrik per Katapultsitz retten, sein Jet schlug jedoch nordwestlich von Anklam auf.

Besonders folgenschwer waren zwei Katastrophen bei der Einführung der MiG-21 im Jahr 1965. Eines dieser Flugzeuge ging am Abend des 23. Juni bei der Rückkehr nordwestlich von Görmin auf einem Acker nieder, der Leutnant an Bord kam ums Leben. Am 13. August desselben Jahres stürzte der Geschwaderkommandeur Günter Schmidt im benachbarten Sassen ab. Obwohl er sich erfolgreich katapultierte, erlitt er tödliche Verletzungen. Die explodierende MiG setzte am Dorfrand einen LPG-Hühnerstall und eine große Scheune in Brand, doch glücklicherweise kamen keine anderen Personen zu Schaden.

Spätere Vorfälle und das Ende einer Ära

Im August 1967 musste der Führer einer MiG-21PFM nach einem Triebwerksausfall aussteigen und zusehen, wie der Havarist bei Burow niederging. Ende April 1969 schmierte ein baugleiches Exemplar bei einem Kunstflug-Einsatz im Raum Jarmen-Anklam ab, wobei der Pilot überlebte. Tragisch endete eine Flugvorführung im Oktober 1971 in Garz, bei der es zum Strömungsabriss kam und der Hauptmann am Steuerknüppel stürzte.

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Für öffentliches Aufsehen sorgte auch das Ende einer Übung mit einem MiG-23-Doppelsitzer zwischen Greifswald und Wolgast im Mai 1986. Der Flieger ging nach dem Streifen von Baumwipfeln bei Hanshagen nieder, doch die Crew konnte sich retten. Anders verhielt es sich am 12. September 1989 bei Anklam, wo eine Aero L-39 „Albatros“ in Not geriet. Vermutlich schätzten mehrere Verantwortliche die Situation falsch ein, sodass eine mögliche kontrollierte Landung verpasst wurde. Der Fluglehrer und sein Schüler erlitten beim Aufprall tödliche Verletzungen.

Die letzte Katastrophe der DDR-Luftfahrt

Die buchstäblich allerletzte Flugkatastrophe der DDR ereignete sich in Vorpommern beim Peenemünder Jagdfliegergeschwader – und das ausgerechnet vor Mitgliedern des Bundestages, die am 13. September 1990 zu Gesprächen auf dem Stützpunkt weilten. Der Pilot einer MiG-23 verlor beim Hochziehen und Rollen vermutlich in den Wolken die räumliche Orientierung und stürzte in steilem Winkel in den Greifswalder Bodden. Der Major hinterließ eine Frau und drei Kinder.

Es war jedoch nicht der letzte Düsenjet sowjetischer Produktion in deutschen Diensten, der abstürzte. Das passierte erneut am 25. Juni 1996 in Mecklenburg-Vorpommern, diesmal mit dem Balkenkreuz der Luftwaffe an Rumpf und Flügeln. Die Bundeswehr hatte 24 MiG-29 übernommen, die erst 1988/89 bei der DDR gelandet waren. Eine davon verunglückte, als der Pilot nach einem absichtlich eingeleiteten Flachtrudeln die Kontrolle verlor. Er rettete sich mit dem Schleudersitz, während der Jet im Trebeltal zwischen Demmin und Dargun in einer Wiese einschlug und teilweise ausbrannte.

Diese Chronik der geheimen Katastrophen zeigt, wie die Militärluftfahrt der DDR von tragischen Unfällen geprägt war, die oft im Verborgenen blieben. Erst Jahrzehnte später können die Geschichten dieser Piloten und ihrer Maschinen vollständig erzählt werden.