Experte zu Eis auf der Ostsee: „Das ist Wetter, kein Klima!“
Die zugefrorene Ostsee vor der deutschen Küste bietet derzeit ein faszinierendes Naturschauspiel: Riesige weiße Eisflächen, wo normalerweise Wellen rauschen, ziehen Besucher in ihren Bann. Doch dieses Winterwunder wird immer seltener, wie der Eisexperte Dr. Jürgen Holfort im exklusiven Interview erklärt.
Klimawandel verringert Eisbildung deutlich
Dr. Jürgen Holfort betont den entscheidenden Unterschied zwischen kurzfristigem Wetter und langfristigem Klima: „Man muss sagen, in den letzten Jahren kam es nicht mehr so oft vor. Davor hatten wir schon mehr. Da merkt man schon den Klimawandel.“
Satellitendaten zeigen laut dem Experten eine deutliche Entwicklung: Die maximale Eisfläche der Ostsee hat über die Jahrzehnte kontinuierlich abgenommen. „Wir haben einen Atlas von 1960 bis 2010 erstellt und dabei drei 30-Jahres-Abschnitte betrachtet. Überall nimmt das Eis ab – das zeigt wirklich den Einfluss des Klimawandels.“
Bedingungen für diesjähriges Eis-Spektakel
In diesem Winter sorgten spezielle Wetterbedingungen für die außergewöhnliche Eisbildung: Hohe Luftdrucklagen über Skandinavien führten zu wochenlanger Kälte mit Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, kombiniert mit anhaltendem Ostwind. „Was wir brauchen, ist natürlich einen längeren Zeitraum mit Temperaturen unter dem Gefrierpunkt“, erklärt Holfort. „Dann kühlt sich das Wasser ab und bildet Eis.“
Aber der Experte warnt: „Dass wir zwischendurch mal so einen Winter wie hier bekommen – ja, das ist kein Klima, das ist Wetter.“ Die langfristige Tendenz zeigt klar in Richtung weniger Eisbildung.
Gefahren auf dem Eis nicht unterschätzen
So faszinierend die Eislandschaften auch sind, bergen sie erhebliche Risiken. „Man sollte lokales Wissen haben“, rät Holfort. Besonders tückisch seien Risse, Strömungen oder unter Schnee verborgene Löcher. „Wenn Schnee drauf liegt, sieht man die gar nicht, so dass man da einbrechen kann.“
Besonders gefährlich wird es beim Tauen: „Was das Eis schnell zum Verschwinden bringt, ist warmer Regen.“ Aufgebrochenes Eis schmelze zudem schneller.
Wie lange bleibt das Eis erhalten?
Viele fragen sich, wie lange das Eisspektakel in diesem Jahr noch zu bestaunen sein wird. „Im westlichen Teil der Ostsee sehen wir, dass das Eis teilweise weniger wird“, so Holfort. „Aber wo richtig Eis liegt, zum Beispiel Greifswalder Bodden, da stören Temperaturen knapp über Null nicht so sehr.“
Entscheidend wird die weitere Wetterentwicklung im Nordosten Deutschlands sein. Klar ist jedoch: Die zugefrorene Ostsee bleibt ein echtes Highlight – und ein Naturschauspiel, das in Zukunft noch seltener zu bewundern sein wird.



