Die vergessene „Titanic“: 4.000 Tote beim Untergang der „Steuben“ in der eisigen Ostsee
In der Nacht vom 9. auf den 10. Februar 1945 hallte ein dumpfer Knall über die eisige Ostsee. Zwei sowjetische Torpedos trafen den Passagierdampfer „Steuben“, der mit Verwundeten, Sanitätspersonal und hunderten Flüchtlingen unterwegs war. Innerhalb von nur 15 Minuten versank das Schiff – mehr als 4.000 Menschen fanden in den Fluten den Tod. Am 10. Februar 2026 jährt sich ihr Untergang zum 81. Mal. Doch bis heute ist die „Steuben“ weitgehend vergessen – obwohl sie zu den größten Schiffskatastrophen der Welt gehört.
Vom Atlantikliner zum Lazarettschiff
Ursprünglich war die „Steuben“ ein Symbol des Aufbruchs. 1923 als „München“ für den Norddeutschen Lloyd gebaut, diente sie als Transatlantikliner zwischen Bremen und New York. In den Goldenen Zwanzigern glänzte sie mit Marmorsalons und Musikräumen – ein schwimmendes Symbol deutscher Ingenieurskunst. Nach einem Brand in New York und einer aufwendigen Restaurierung erhielt das Schiff 1931 einen neuen Namen: „General von Steuben“. Als Prestigeprojekt des Norddeutschen Lloyd führte sie Kreuzfahrten für die wohlhabende Gesellschaft durch. Ihre letzte Friedensfahrt endete 1939 – kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.
Flucht über das gefrorene Meer
Im Februar 1945 war aus dem Luxusdampfer ein Verwundetentransporter geworden. Tausende Verletzte, Sanitäterinnen und Flüchtlinge strömten in den Hafen von Pillau, Ostpreußens letztem Fluchtpunkt. Sie suchten Zuflucht vor der vorrückenden Roten Armee. Als die „Steuben“ am Abend des 9. Februar ablegte, trug sie über 5.000 Menschen an Bord – doppelt so viele, wie das Schiff eigentlich fassen konnte. Kinder weinten, Verwundete lagen festgeschnallt in ihren Betten, während das Torpedoboot T 196 den wuchtigen Dampfer begleitete.
Die Torpedos der „S‑13“
Nur wenige Stunden nach dem Auslaufen lauerte ihm das sowjetische U-Boot S-13 unter dem Kommando von Alexander Marinesko in der Dunkelheit auf. Dasselbe U-Boot hatte etwa zwei Wochen vorher schon die „Wilhelm Gustloff“ versenkt. Kurz nach Mitternacht am 10. Februar schlugen zwei Torpedos ein. Der Rumpf barst, Wasser drang in die Maschinenräume, die Lichter erloschen. Binnen Minuten verwandelte sich das Lazarettschiff in ein Chaos aus Dunkelheit, Feuer und Eiseskälte. Verwundete konnten nicht fliehen – viele blieben in den Krankendecks zurück. Jene, die es aufs Deck schafften, sprangen in ein Wasser, das kaum über null Grad lag. Von rund 5.200 Menschen überlebten nur etwa 660.
Vergessene Opfer einer tödlichen Flucht
Die „Steuben“ war kein Einzelfall. Nur zwei Wochen zuvor war die „Wilhelm Gustloff“ versenkt worden – mit rund 9.000 Toten die größte Schiffskatastrophe der Geschichte. Im April folgten die „Goya“ mit etwa 7.000 und die „Cap Arcona“ mit rund 4.500 Toten. Die Ostsee, einst Verkehrsader und Urlaubsidyll, wurde 1945 zum Massengrab für Zehntausende. Das Besondere: Während der Titanic-Untergang eine im Bewusstsein der Menschen tief verwurzelte Katastrophe darstellt, blieben die Opfer der Ostsee namenlos und vergessen. Ihre Gräber liegen tief im Schlamm zwischen Stolpmünde und der Danziger Bucht. Viele Familien wissen bis heute nicht, wo ihre Angehörigen geblieben sind.
Das Wrack als stilles Mahnmal
2004 entdeckten polnische Marineschiffe das Wrack der „Steuben“ in fast 70 Metern Tiefe. Heute ist es ein geschütztes Seekriegsgrab – und zugleich Ziel illegaler Tauchexpeditionen. Expeditionen der vergangenen Jahre belegen laut Bericht des Spiegels, dass nahezu alle beweglichen Teile geplündert wurden. Was übrig blieb, ist ein rostendes Mahnmal aus Stahl. Zwischen Decks und Maschinenräumen fanden zahllose Menschen den Tod. Nur selten untersuchen Historiker die Stelle, denn sie gilt als Kriegsgrab und Erinnerungsort zugleich.
Die Ostsee als Spiegel deutscher Geschichte
Die Massenevakuierung der letzten Kriegsmonate war ein Verzweiflungsakt. Hunderttausende Flüchtlinge wurden überstürzt auf ungeschützte Schiffe verladen – und den sowjetischen U-Booten ausgeliefert. In nur vier Monaten starben auf der Ostsee mehr Zivilisten als in den gesamten sechs Kriegsjahren zuvor auf See zusammen. Heute erinnert der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit Projekten an diese Tragödien. Denn viele Grabstätten am Meeresboden sind bedroht – durch Plünderungen, durch Baggerarbeiten, durch Vergessen.



